Gegen Herrn W.

Leider kein Scherzgedicht.

Mangelnde Empathie beim Pflegepersonal hilft den Angestellten sicherlich bei der Abgrenzung und schützt vor zuviel Betroffenheit. Schließlich sind psychiatrische Pflegekräfte nicht selten selbst von psychischen Krankheiten betroffen. Aber fehlendes Einfühlungsvermögen kann auch beim Umgang mit den Patient*innen sehr hinderlich sein und eine gegenteilige Wirkung als die erwünschte haben.

 

Sozialarbeiter an der Macht
Hat mich um meinen Schlaf gebracht.
Mich zwacken, zwicken fiese Schmerzen
Und Groll liegt tief in meinem Herzen.

Was bildet sich der Knilch denn ein?
Dass heilen kann mich er allein?
Mit seinem Spieleangebot?!?
Ich fass es nicht. Ich sehe rot.

Da kommt der herzensdumme Mann
Mit wehn’dem Schritt bei mir im Zimmer an.
Voll Selbstgefälligkeit und Arroganz:
„Von meiner Therapie da profitier’n hier alle ganz.

Sozialphobie? Ihn‘ geht’s nicht gut?
Ach Quatsch – ein Kaffeklatsch in großer Runde ist für Sie sehr gut!
Wir sind hier in geschütztem Rahmen.
Sind doch alles and’re Kranke hier, die Schreihalsdamen.

Wir setzen uns an einen Tisch, ich hol die Klampfe,
Dann ziehen wir in siegessich’rem Kampfe
Gegen Depression und Angst.“

Weh‘ dir, wenn Ruhe du verlangst!

„Sie weigern sich? Ja hör ich richtig?
Ich bin hier Mister Oberwichtig.
Sie, junge Dame, hörn‘ Sie mal:
Wir leben hier nicht anno dazumal.

Es gibt hier nicht nur Pillen,
Ich brech‘ auch ihren Willen.
Wenn hier im Haus MEIN Spieleabend ist
Wird sich doch nicht ins Zimmerchen verpisst.

„Herr W., darauf kann ich nur bockig sein.
Mich zu was zwingen – das mach ich höchstens ganz allein.
Kein andrer darf das je, das lassen Sie hübsch sein!
Sonst lässt mich meine Wut bald eine and’re sein.

Was wissen Sie von Empathie und and’rer Seelenpein
Sonst wüssten Sie, dass Ihre Art mich bringt zum Schrei’n.
So wie Sie hier kommen rein,
MUSS ich Ihnen zwanghaft sagen: ‚Nein!‘

Ihre Art erniedrigt mich, beleidigt mich gar tief.
Ich bin mündig, aufgeklärt und lieg nur in der Psyche schief.
Sie aber haben wohl die Wendezeit verpennt
Und ahnen nicht, dass heute man den mündigen Patienten kennt.

Ich selbst brauch Hilfe, zugegeben,
Deshalb hab ich mich auf Station begeben.
Ich mache Therapien mit
Und gehe jeden nöt’gen and’ren Schritt.

Von Ihnen lass ich ich mir nicht unterstellen,
Ich wollt mich nur mit Pillen ruhigstellen.
Beleidigend ist das, ich sag es hier nochmal.
Sie treten mich mit Ihren Füßen hundertmal!

Und doch bin ich zu Dank verpflichtet,
Sie haben meine Wut auf sich gerichtet,
Die ziellos war sonst in mir drin.
Oh ja, nun macht die Sache Sinn!

Auf Sie kann ich nun böse sein
Und nicht auf mich im stillen Kämmerlein.
Herr W., dafür mein Dank an Sie,
Doch zu Ihr’m Spieleabend komm‘ ich nie!“

Agnes Podczeck
In der Nacht zum 7. Oktober 2016

St. Joseph Krankenhaus Berlin