Irrenschrei’n im Geisterhaus

 

Mitternacht in unserm Haus:
Zähneklappern, Schreiattacken.
Jede von uns hat so Macken.

 

Eine lässt’s am Pfleger aus
Kreischen, Hämmern, Brüllexzess
Sind ihr Lieblingsirrgesetz.
Laut kann sie’s! Das Kreischen dröhnt!
Zur Wehenzeit hab ich erst zweimal so getönt.

 

Notdienst? Spritze?
Wie nur hilft man ihr?
Wer kriegt diese arme Frau versöhnt?
Weiß es nicht.
Bin nicht erpicht
Dabeizusein bei ihrem Schrei’n.

 

Das Mütterchen von nebenan
Von diesem Lärm nicht angetan.
Denkt sie an die Zeit im Bombenkeller?
Pfleger, lauf doch, lauf doch schneller!

 

„Bitte, Bitte – Bitte, Bitte
Schickt doch jemand“,
Leiert es ihr Stimmchen schwach.
Lange bleibt die Alte wach.

 

Vierundneunzig Jahr
Ist Omilein
Und wahrscheinlich ganz allein.
Nach ihrer Mama rief sie vorhin laut,
Ihrer Schwester, ihrem Bruder.
Ohjemine! Ohjemine!
Welch gedankenloses Luder
Steckte sie zu uns hinein,
Die wir Wettbewerbe schrei’n!

Nach der Mami ruft sie immer wieder.
„Bitte bitte. Mami, hörst du mich?
Warum lässt du mich im Stich?

 

Traurig jault ein Herr
Im Zimmer gegenüber.
Hat mit wölfischem Instinkt
In das Schrei’n sich eingeklinkt.

 

Fünf Zimmer weiter scheppert’s – Rums.
Ja, so ist das hier bei uns.
Ich bin auch hier,
Und mit Grund.
Male Monster, reime Schund!

 

Am 2. Oktober 2016
Nachts

 

St. Joseph Krankenhaus Berlin

Akutstation der Geschlossenen Psychiatrie

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