S-Bahn-Skizzen (10)

 

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Bitte klingeln!

 

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Zumindest, was den Lebensmitteleinkauf betrifft, komme ich normalerweise im Alltag ohne Hilfe zurecht.

  • Natürlich sollte das Geschäft nicht zu klein und familiär sein (damit ich zwischen anderen Menschen untergehen kann), aber auch nicht zu laut, riesig und unübersichtlich.
  • Es sollte möglichst ausgeschlossen sein, dass mir bekannte Menschen begegnen und ich vor die Wahl gestellt werde, unhöflich zu sein oder ein Kasperletheater aufzuführen und höflich lächelnd grüßen zu müssen.
  • Alle Lebensmittel müssen in Selbstbedienung für mich verfügbar sein, ohne dass ich eine Angestellte*n fragen muss.

In diesen Fällen geht das Einkaufen relativ angstfrei vonstatten und an den meisten Tagen habe ich auch kein Problem, der Kassiererin einen Schönen Tag! zu wünschen und ihr zu danken.

Unter anderen Umständen kann es durchaus zu Peinlichkeit und Schweißausbrüchen führen.

Gestern Mittag, zum Beispiel, war das Geschäft fast leer und als ich an die Kasse kam, war keine Kassiererin zu entdecken. Immerhin konnte ich ausmachen, welche der drei Kassen grundsätzlich besetzt war (die erste Hürde erfolgreich gemeistert!) und begann, betont laaaangsam, meine Einkäufe auf das Band zu legen. Auf dem Band prangte – leuchtend und nicht übersehbar – eine Klingel, die unmissverständlich dazu aufrief, betätigt zu werden, um die Kassiererin zu rufen.

Bei allen anderen Menschen außer mir hätte ich es normal und selbstverständlich gefunden, wenn sie die Klingel auch betätigten. Dafür ist sie schließlich da. Aber ich? Klingeln an Kassen, Tresen oder anderen Orten bedienen? Durch ein lautes Geräusch auf mich aufmerksam machen? Niemals! Wer weiß, was passiert (natürlich weiß der Verstand, dass nichts schlimmes passieren würde, aber der hat gegen die irrationale Frau Angst schlechte Karten)? Lieber verdorren mir die Hände. Lieber stehe ich eine halbe Stunde herum. Lieber explodiere ich, falls ich es eilig habe.

Doch nicht genug damit. Auch dass ich nicht klingele versorgt mich mit ausreichend negativem Gefühl. Die Kassiererin könnte ja ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie mich nicht rechtzeitig bemerkt hat und mich warten ließ. Gibt es Ärger mit Chefin oder Chef? Oder umgekehrt – vielleicht ist die Kassiererin sauer auf mich, weil ich Idiotin nicht, wie es sich gehörte, den Klingelknopf drückte?

Ergo: ich tue so, als sei ich gerade erst an der Kasse angekommen, betrachte interessiert die Regale, als ob ich ohnehin noch etwas suchen und überhaupt nicht warten würde. Verschämter Blick zu Boden, wenn die Kassiererin dann angerannt kommt. Wie gut – sie schimpft nicht, sie entschuldigt sich nicht. Nun schnell bezahlen, beim Einpacken bitte nicht zu ungeschickt sein und flüchten.

 

Wie steht Ihr zu dieser Klingelei? Habt Ihr gar auf der anderen Seite der Kasse mit solchen Klingelmeidern wie mir Erfahrung gesammelt, Euch über sie geärgert oder belustigt? Oder ist die Klingel vielleicht gar nicht dazu gedacht verwendet zu werden und die Klingelnden sind nervtötend?

Gibt es Gleichgeängstete unter Euch Leser*innen? Was findet Ihr beim Einkauf am gruseligsten?

Der Metterling

 

„Guck mal, ein Metterling!“, ruft die Kleine.

Begeistert zeigt sie auf die Wiese.

Der Papa trottet hinterher.

„Was?“, ruft er.

Die Kleine jauchzt: „Ein Metterling, ein Metterling, ein Metterling.“

Der Papa ist mit den Gedanken wohl noch im Büro. Er zeigt sich weiter begriffsstutzig.

„Was? Ich verstehe nicht.“

„Ein Metterling!“.

Die Stimme der Kleinen wird immer höher.

Nun also fällt bei ihm der Groschen. Zunächst nur ein kleines Stockwerk tiefer.

„Ein Schmetterling, aha“,  brummt er geistesabwesend, während er auf sein Smartphone schielt.

Vier, drei, zwei … Endlich! Pling!

Seine Stimme rutscht drei Oktaven höher: „Ein Schmetterling? Wirklich? Wo?“

Seine anfangs gespielte Begeisterung schlägt schnell in echte Euphorie um. Mit glänzenden Augen starren beide auf die Weise und staunen.

‚Da hat er ja gerade nochmal die Kurve bekommen‘, denke ich schmunzelnd. ‚Was für ein herrlicher Tag.‘