Kurioses vom Tag

 

Blühende Mandelbäumchen, wie im März – nicht nur an der Bornholmer Straße, sondern auch andernorts in Berlin.

Es gibt immer noch gereifte Brombeeren – wie im September.

Zwei rotzfreche Kolkraben in der Berliner Innenstadt; einer von ihnen gibt mir mit dem Flügel eins auf die Mütze. Die Nebelkrähen, die sonst das Stadtbild dominieren, sind schon davongeflattert.

Die erneute Entdeckung von „gravierenden Defiziten bei den technischen Systemen“ des BER (Tagesspiegel, taz) ist hingegen gar nicht kurios und ich würde lauthals hämisch lachen, wenn nicht das ganze Projekt wie ein schwarzes Loch jene Steuergelder einsaugen würde, die an anderer Stelle doch so sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Und ziemlich ernüchternd die Entdeckung, dass auch gute Freunde von guten Freunden der Überzeugung sind, in diesem Land funktioniere das Sozialsystem, „richtige“ Armut gäbe es hier gar nicht, die Arbeitslosen wären einfach nur zu faul und die Depressiven würden sich nur nicht anstrengen wieder gesund zu werden: „Sport treiben, ’n Job suchen und dann wird det allet wieda jut.“ Gut, dass ich das jetzt auch weiß.

 

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Was vom Leben übrig blieb

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Wohnen unter der Brücke. Es mag in der Herbstsonne bunt und romantisch aussehen. Die Realität ist weit davon entfernt. Prenzlauer Berg in Berlin, 06. November 2017

 

Wahrscheinlich habe ich heute eine gute Nachricht bekommen. Eine sehr gute. Eine ausgezeichnete. Eine, die die Schlinge, die ich die letzten Wochen um meinen Hals spürte und die sich enger und enger zog, die mich die inzwischen fast nicht mehr atmen ließ, gelockert hat. Ich befinde mich nun in einem Schwebezustand. Kann ich schon aufatmen? Wie viel kann noch passieren und das vorläufige Happy End in ein unsägliches Drama verwandeln?

Noch habe ich die rettende Information nicht schriftlich. Noch stehe ich unter Strom. Mein Körper ist im Stressmodus. Wann endlich kommt der Brief? Kommt der Brief?

Während ich nun heute wieder Hoffnung schöpfe, meine Wohnung halten zu können, wird wird diejenige des kranken Alkoholikers und Messies geräumt. Nach einem Wasserschaden vor ein paar Monaten habe ich nur ein paar Zentimeter des Wohnungseingangs erahnen können. Unter Müll und Zeitungsfetzen. Dort lebte ein Mensch. Lange. Im Sommer, wenn es draußen heiß war, sank der faulige Gestank aus dem vierten Stock bis ins Erdgeschoss. Die Kinder aus dem Kinderladen verzogen dann immer die Gesichter: Bei Euch stinkt es ganz eklig!

Heute riecht das ganze Haus riecht nach Desinfektionsmittel. Das Räumkommando, zierliche junge Männer, die kein Wort Deutsch verstehen, trägt zarte Handschuhe und einen dünnen Mundschutz. Wahrscheinlich setzen sie ihre Gesundheit aufs Spiel und bekommen sie für diese traurige Arbeit nicht einmal einen Appel und ein Ei.

Es rumst und poltert, dass ich fürchte, das Haus bricht zusammen. Der Müllberg im Hof wächst und wächst, ausgesetzt den neugierigen, abfälligen, angeekelten Blicken der Nachbarn, Eltern, Kinder. Die Matratze ist schimmlig schwarz und löchrig. Der Kühlschrank braun verklebt und rostig. Riesige ranzige Müllsäcke versperren den Weg. Was von einem Leben übrig blieb.

Ich versuche, nicht an diesen Menschen zu denken, den ich nicht gekannt, nicht einmal gesehen, sondern immer nur gerochen habe. Trotzdem frage ich mich, wie es ihm nun gehen mag. Hat er Hilfe bekommen? Ist er in einer Klinik? Gehört er nun zu den unzähligen Obdachlosen unserer Stadt? Ist er tot? Die traurigen Gedanken stechen mitten in mein Herz. Dabei will ich mich heute freuen. Darüber, dass mein Schicksal, mein menschengemachtes Schicksal, nun doch noch eine gute Wendung nehmen wird. Hoffentlich.

Dr. rer. nat., leider depressiv!

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Dr. rer. nat., leider depressiv, Entwurf, Bleistift, Skizzenbuch A5, 02.11.2017

 

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, in einem Sozialstaat, und wer in soziale Bedrängnis gerät, erfährt selbstredend Hilfe. So sollte es sein. Und viele von uns glauben auch daran, dass dem so ist. Niemand müsse auf der Straße schlafen, niemand müsse hungern in unserem reichen Lande. Als ein schwankender Obdachloser von zwei Polizisten aus der Bahn geführt wird (sehr höflich wohlgemerkt), doziert eines der jungen ausgehfein herausgeputzten Mädchen verächtlich vor ihren Freundinnen: „Der muss hier nicht so sitzen. Der soll sich Hilfe suchen. Es gibt Stellen, an die der sich wenden kann, da wird ihm geholfen.“

Ich bin unschlüssig. Soll ich mich ärgern über diese dumme Ignoranz der grauen Realität gegenüber? Oder soll ich mich freuen für das junge Ding, sie beneiden um ihre Naivität und Blauäugigkeit? Schließlich bedeutet es doch ein Gefühl von Sicherheit und Wärme zu wissen, dass man in Notsituationen Unterstützung erfahren würde.

Ich selbst habe immer geahnt, gewusst, dass es genug traurige Gründe gibt, warum Menschen ihre Wohnung verlieren.  Auch und sogar in unserem reichen Land. Aber dass das soziale Netz derartig löchrig ist und alle jene hindurchgleiten, die aus dem Schema fallen, nach welchem das Sozialgesetzbuch gestrickt ist, hätte ich nicht im Traum geahnt. Die Würde des Menschen ist dehnbar. Ich möchte gerne schreien, laut aufschreien über die Ungerechtigkeit. Unwürdigkeit. Erniedrigung. Und morgen aufwachen in einer wärmeren Welt.

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 9

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28.10.2017, Blick von Brücke Schwedter Steg/Schivelbeiner Straße aus nach Süden, zur Baustelle. 

Das Zeilenende hatte im Februar zu einem gemeinsamen Fotoprojekt aufgerufen – zwölf Monate lang soll jeweils am letzten Sonntag des Monats eine Momentaufnahme eines selbstgewählten Motivs präsentiert werden.

Der Aufruf erzeugte ein überwältigendes Echo und auch ich bin von der Idee so begeistert, dass ich hier das Wachstum der zu recht umstrittenen Baustelle des ebenso umstrittenen Investors Groth Gruppe am Berliner Mauerpark dokumentiere.

 

So!!! Nun endlich kann ich Euch hier wieder Bilder zeigen, die den Gefühlen der zahlreichen Menschen entspricht, die jahrelang engagiert gegen eine Bebauung dieses Areals am ehemaligen Mauerstreifen gekämpft haben. Es ist trüb, dunkel, die Wolken hängen schwarz und tief. Die Fotos stammen zwar von gestern, aber da war die Wolkenstimmung nicht heiterer als heute war.

Das schlagende Argument, mit dem die Bebauungsgenehmigung damals gegen jegliche Einwände durchgeprügelt wurde, war ja: wir brauchen dringend mehr Wohnungen in Berlin. In der Tat mehren sich die Berichte über Wohnungsmangel, rasend steigende Mieten und auch Obdachlosigkeit in der Hauptstadt. Ohne Neubau, und zwar in erheblichem Umfang, wird es nicht gehen, denn Berlin wächst weiter stetig. Aber ob Bauprojekte, wie das hier gezeigte, die Situation entspannen werden, wage ich weiter zu bezweifeln.

Mangel herrscht hauptsächlich an bezahlbarem Wohnraum. Je kaufkräftiger der oder die Suchende, umso größer ist das Angebot, vor allem in den beliebten Innenstadtbezirken. Wer hier allerdings heutzutage noch eine bezahlbare Wohnung sucht, braucht das Glück einer Lottogewinnerin. Am Mauerpark entstehen vor allen Dingen Wohnungen, die nicht mietpreisgebunden sind und somit für die Mehrzahl der Suchenden nicht infrage kommen. Die neu vermieteten teuren Wohnungen werden jedoch den Mietspiegel für die ganze Gegend weiter in die Höhe treiben und somit VermieterInnen der Umgebung ideale Handhabe zu weiteren Mieterhöhungen geben. Es sei denn es geschieht ein Wunder und die Wohnungspolitik wird eine soziale Wende nehmen. Aber angesichts der wahrscheinlichen Jamaikanisierung der künftigen Bundesregierung sollte man lieber auf einen Lottogewinn vertrauen.

Zur Erinnerung (ich schrieb es bereits in einem früheren Beitrag):

Die Groth-Gruppe baut am Mauerpark 227 Mietwohnungen, 42 „senjorengeeignete“ Mietwohnungen, 111 Eigentumswohnungen, 197 Studentenappartments sowie 122 öffentlich geförderte Wohnungen mit entsprechender Mietpreisbegrenzung

227 Mietwohnungen
42 „senjorengeeignete“ Mietwohnungen
111 Eigentumswohnungen
197 Studentenappartments
122 öffentlich geförderte Wohnungen
699 gesamt

 

Von gesamt 699 Wohneinheiten werden also nur insgesamt 122 Wohnungen halbwegs für mittlere bis untere Einkommen erschwinglich sein. Die Preise für die sogenannten Studentenapartments sind aus meiner Sicht eine Frechheit, denn die werden ab 569 Euro warm für 20,5 Quadratmeter vergeben. Für zehn Quadratmeter mehr sind dann schon an die eintausend Euro fällig. Derzeit übrigens beträgt der BAFöG-Höchstsatz (den nur die wenigsten Studierenden bekommen) 735 Euro. Die dürfen dann aber bloß nicht krank werden, weder während des Studiums, noch danach, wenn sie ihre Studienkredite abzahlen müssen. Entgegen vieler Vorurteile steigt zwar mit dem Studium die Wahrscheinlichkeit für ein höheres Einkommen nach Abschluss, ist aber längst kein Garant für ein überlebenssicherndes Einkommen. Trotzdem – bei der Zahl an Studierenden, die in diesem noch immer eine Unterkunft suchen, werden die Eigentümer wohl keine Probleme haben, ihre möblierten Luxusapartments zu vermieten.

 

Bevor ich immer weiter doziere (Sagenswertes gäbe es viel) zeige ich Euch nun endlich die Bilder. Ich bin dieses Mal wieder einmal im die Baustelle herumgegangen, und zwar in Richtung Norden, Westen, Süden, in wieder nach Osten. Zur Orientierung nochmals der Plan, den ich zu Projektbeginn gezeichnet hatte.

 

Groth_PlanIUD26.3.2017BG

 

Und jetzt geht es los. Die bebilderte Galerie öffnet sich beim Anklicken eines der Bilder.

 

 

 

 

Unter dem Beitrag vom Zeilenende findet Ihr die vielen interessanten Links zu den Beiträgen der anderen.

 

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 8

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 7

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 6

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 5

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 4

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 3

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt 2

Groth statt Grün – Zeilenendes Fotoprojekt

I told you how to change the world

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

 

BewohnerInnen von Städten werden das Phänomen der als-Flaschenammelnde-meist-ältere-Menschen-sichtbaren Armut zur Genüge kennen und ich habe auf diesem Blog mehrfach erzählt, dass ich aus meinem Fenster direkt auf die Mülltonnen blicken kann und somit fast täglich mit diesem traurigen Anblick konfrontiert werde.

Ob nun Marx damals DIE richtige Antwort auf die auch damals schon heiß lodernde soziale Frage wusste, kann und soll in diesem Rahmen nicht beurteilt werden. Mit dem festen Vorhaben, es Kapitel für Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten, habe ich mir vor vielen Jahren „Das Kapital“ gekauft, muss aber zugeben, dass es neben anderen un- oder halb gelesenen Büchern noch immer im Regal auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit wartet.

Immerhin, das Kommunistische Manifest las ich erstmals vor knapp dreißig Jahren:  als Siebentklässlerin habe ich im Nachwendejahr einen gewiss naiven Schulvortrag (frei gewählt) gehalten, in dem ich mich – hochernst! – mit der Frage beschäftigte, warum wohl der Sozialismus gescheitert sei. Ein Thema, das vielleicht nicht unbedingt typisch für ein Mädchen meines Alters ist, mich aber damals arg umtrieb. Als mein großer, kluger, belesener und von mir immer geschätzter, bewunderter und verehrter großer Bruder von dem Thema hörte, drückte er mir wortlos jenes kleine Büchlein in die Hand. Ich habe es gelesen, ernsthaft, mehrfach, und daraus zitiert – schon allein meines Bruders wegen, um ihm zu gleichen, ihm zu gefallen. Was mir schon allein ob des Altersunterschieds und der dementsprechend fremden Welten, in denen wir lebten (und leben) nicht gelingen konnte; und ob ich das Manifest damals wirklich verstand, möchte ich bezweifeln. Aber später trug ich lange Jahre dieses kleine rote Büchlein in meiner Schultasche – zusammen mit Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, das ich leider eines Tages auf unserem Schulhof liegen ließ.

 

 

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Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

Sonntag

 

Wir pflegen weiter unser sonntägliches Ritual – ein Spaziergang durch den Mauerpark. Wir lauschen, ob interessante Musiker spielen, gucken, welche neuen Graffiti entstehen. Der Weg zum Park dauert aber von Woche zu Woche länger, weil ich ständig stehenbleiben, an Blümchen riechen und die Kamera zücken muss. Ein Geduldsspiel für jeden, dessen Interessen nur minimal anders gelagert sind. Ich nehme hier die Rolle es Kindes ein, das trödelt und unterwegs jedes Stöckchen aufnehmen muss, während die Mutter – seufzend und bemüht geduldig – daneben steht. Manchmal fühle ich mich auch als Hund, der jeden Zentimeter des Weges erschnüffeln muss und an jedem unmöglichen Ort stehenbleibt, während der Mensch am anderen Ende der Leine eigentlich auf einen flotten Spaziergang aus war.

Der Mauerpark war wieder voll und laut und für meine vorgestrigen Nerven ein wenig zu lebendig. Aber ich habe mir zur eigenen Ablenkung bewusst gemacht, wie grün bereits alles um uns ist. Vor zwei Monaten waren Bäume und Sträucher noch nackt und kahl. Jetzt sind es nur noch einige Nachzügler, die viel Ast und wenig Blatt zeigen. Wie viele der Feiernden im Park das zu würdigen wussten?

Ein traurig-gutes Geschäft machten gestern wieder die Flaschensammler, Damen und Herren gesetzten Alters, die davon leben, den jungen Feiernden die Bierflaschen einzusammeln. Die meisten sind ausgerüstet mit Handwägelchen, großen Taschen oder Einkaufswagen. Mögen sie an eine freundliche Kassiere*in geraten, die ihnen das Geld für das Pfandgut aushändigt. Da habe ich auch schon von viel Missgunst hören müssen.

 

Asozialer Experte

Ich habe an anderer Stelle bereits geschrieben, dass ich gern politische Satiresendungen sehe und so habe ich auch am Wochenende zu Hause die Wiederholung der heute-Show in der Mediathek gesehen. Manchmal hilft es mir einfach über die oft bittere Realität zu lachen.

In diesem Fall hat mir das Fernsehen allerdings nicht allzu gut getan. 

Die rotzfreche Kaltschnäuzigkeit eines gewissen Herrn Prof. Bernd Raffelhüschen von der Initiative Neue (A!)Soziale Marktwirtschaft , der ohne auch nur einer Wimper zu zucken geraden Blickes in die Kamera behauptete: „Es gibt keine Altersarmut in Deutschland. Sie ist quasi irrelevant,“ hat mich hoch empört. Mag die Altersarmut hierzulande statistisch gesehen tatsächlich ein geringeres Ausmaß als die Kinderarmut. Die Existenz von Altersarmut rundweg zu leugnen ist blanker Hohn und ein Tritt in die Magengrube aller älteren Menschen, die nach einem langen und arbeitsreichen Leben jeden Pfennig fünfmal in den Fingern umdrehen müssen – und das bis aus Ende ihrer Tage. „Irrelevant“ seien diese Menschen also. „Irrelevant“!

„Es gibt keine Altersarmut in Deutschland. Sie ist quasi irrelevant,“ behauptet dieser „Experte“.

Nun habe ich ja im Nebenfach Sozialwissenschaften studiert und weiß, dass Statistiken sehr dehn- und auslegbar sind.  Es gibt unzählige Definitionen, was Armut ist und wie sie berechnet wird. Je nach politischer Orientierung des Auftraggebers der Statistik kann so die Zahl der von Armut betroffenen oder auch bedrohten Menschen beliebig variiert werden.

Ich bin außerdem geneigt, Menschen nicht von vornherein zu verurteilen. Ich hatte die naive Hoffnung, dass die Aussage dieses Herrn Raffelhüschen aus dem Kontext gerissen wurde und dass er daher in der heute-Show zu unrecht als herzloser Menschenverächter erschien.

Bei YouTube fand ich das Originalvideo, das vor etwa einem Monat online gestellt wurde. Es handelt sich dabei nicht um ein informatives Interview, sondern um einen reinen Propagandafilm der oben erwähnten Initiative, der einem das Essen wieder die Speiseröhne hinaufwürgen lässt, in dem die Generationen der Jungen und Alten gegeneinander aufgehetzt werden. „Reiche Rentner“ liegen nach dieser dreistlügenden Darstellung den „armen Beitragszahlern“ auf der Tasche, sind schuld an Kinderarmut und der prekären finanziellen Lage von Alleinerziehenden. Wenn die untergegangene DDR so gute Agitatoren gehabt hätte wie die INSM, stünde die Mauer vielleicht noch.

Ich für meinen Teil lasse mich von diesem blondgelockten Märchenonkel nicht für dumm verkaufen und gegen niemanden ausspielen. Ich hoffe, auch Ihr nicht.

Wer sich heute noch nicht geärgert hat, kann ja mal in dieses ärgerliche Filmchen hineinschauen:

Start der Berliner Kältehilfe am 1. November

Während heute lustig verkleidete Menschen durch die Straßen gruseln und Kinder bei Nachbarn um Süßigkeiten betteln, bereiten sich in Berlin Mitarbeiter der Wohlfahrsverbände, Bezirksämter und viele Freiwillige auf den morgigen Start der Berliner Kältehilfe für Obdachlose vor.

Die genaue Zahl der Wohnungslosen in dieser Stadt ist unbekannt. Es könnten derzeit etwa 11.000 Menschen sein, so informiert die Homepage der Berliner Stadtmission. Diesen steht jährlich vom 1. November bis zum 31. März ein zusätzliches niedrigschwelliges Hilfeprogramm aus Notunterkünften (in Berlin 2015/16 wohl ca. 700 Schlafplätze), Nachtcafés, dem Kältebus und Suppenküchen zur Verfügung.

Wer in Großstädten wie Berlin wohnt und nicht ganz mit Scheuklappen durch die Straßen geht, weiß, dass Armut und Obdachlosigkeit nicht nur bloße Statistik sind, sondern ganz reale menschliche Gesichter hat.

Seit Jahren schon konkurrieren in Berlin mehrere Obdachlosenmagazine um Leserinnen und Käufer. Mehr und mehr Müllsammlerinnen und Müllsammler laufen von Wohnhaus zu Wohnhaus und durchsuchen die Abfalltonnen, ob sich nicht noch etwas Brauchbares finden lässt und mit Blick auf die zahlreichen Pfandflaschensammler bekommt der Spruch „Rentner haben niemals Zeit“ einen ganz besonderen Beigeschmack.

Unter etlichen Brücken und in windgeschützten Ecken der Stadt übernachten Sommers wie Winters obdachlose Menschen. Wenn die Damen und Herren Bundestagsabgeordneten einen mittäglichen Spaziergang machen wollten, bräuchten sie nur fünf Minuten, um mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich unter den Brücken am Spreeufer mit Matratzen und Schlafsäcken einzurichten versucht haben. Wer ruft, dass wir doch in einem Sozialstaat leben und dass niemand in diesem Land obdachlos sein müsse, ist entweder beneidenswert naiv oder aber verschließt absichtlich seine Augen: das soziale Netz hat ein paar ziemlich grobe Löcher, durch die es sich wunderbar in die Tiefe gleiten lässt.

Das Projekt der Berliner Kältehilfe sei bundesweit einmalig, so der Beitrag auf Wikipedia. Es gibt sie seit 1989, ins Leben gerufen von Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und Senatsverwaltung, und von Berliner Senat, Bezirksämtern, Verbänden und über Spenden finanziert.

Gemessen an der Not und Dringlichkeit und dem Ausmaß der benötigten Hilfe ist das Programm der Kältehilfe leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn auch dennoch wichtig und unterstützenswert. Wenn wir aber in unserem angeblich reichen Land nicht das soziale Netz vernünftig und nachhaltig flicken, die Mieten bezahlbar bleiben bzw. wieder werden und wir nicht den Trend der Umverteilung von unten nach oben umzukehren schaffen, wird die Arbeit der Kältehilfe eine Sisyphosarbeit bleiben. Letzten Endes sind wir alle gefragt, uns nicht nur über die Politik „der da oben“ zu beklagen, sondern auf die eine oder andere Weise (wieder) aktiv zu werden. Da nehme ich mich nicht aus.

Hier ein paar natürlich unvollständige Links zum Thema:

BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe):
http://www.bag-wohnungslosenhilfe.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/

Berliner Stadtmission:
http://www.berliner-stadtmission.de

Caritas Berlin:
https://www.caritas-berlin.de

Kältehilfe (Link funktioniert derzeit nicht, Seite ist eventuell nur in Wartung)
http://www.kaeltehilfe-berlin.de/kaeltehilfe.htm

mob e.V. Strassenfeger:
http://strassenfeger.org

Motz e.V. (Straßenzeitung und Notübernachtung):
http://www.motz-berlin.de

Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose Berlin:
http://www.wohnungslos-berlin.de