Teufel oder Beelzebub – Antibiotika statt Antidepressiva?

 

Ursprünglich hatte ich vorgehabt, nicht nur auf die nachfolgend verlinkte Arte-Doku „Depression – Neue Hoffnung?“ zu verweisen, sondern auch für alle jene, die nicht die Zeit haben, eine einstündige Dokumentation zu gucken, eine inhaltliche Zusammenfassung sowie meinen eigenen Kommentar dazu zu geben.

Nun hatte ich selbst leider nie die Muße diesen Beitrag inhaltlich fundiert zu formulieren – andere Themen und Fragen drängten sich immer in den Vordergrund; Die Doku selbst ist aber nur noch drei Tage lang in der Arte-Mediathek zu sehen. So verweise ich hier erst einmal nur kommentarlos auf die Doku und zitiere aus der Zusammenfassung der Arte-Website:

„Weltweit verfolgen Forscher eine neue Spur, um das dunkle Geheimnis der Depression zu lüften. Ihre Vermutung: Das Immunsystem ist der Schlüssel, um die Krankheit zu verstehen – und wirkungsvoll zu bekämpfen. Könnte es sein, dass Stress oder falsche Ernährung Infektionen auslösen, die bei der Entstehung einer Depression eine entscheidende Rolle spielen? Viele Wissenschaftler antworten auf diese Frage mittlerweile mit einem klaren Ja. Zumindest bei einem Teil der Depressiven, die bisher als hoffnungslose Fälle galten, bei denen klassische Antidepressiva nicht wirkten. Letztlich geht es um Millionen Patienten, die dringend auf neue Therapiemöglichkeiten hoffen. Denn ihr Leidensdruck ist extrem groß: Sie leben in einer Welt der Düsternis, aus der es für sie kein Entkommen zu geben scheint. Und die gängigen Antidepressiva wirken bei einem beträchtlichen Teil der Patienten nicht. Könnte es tatsächlich möglich sein, dass solche Patienten künftig mit entzündungshemmenden Medikamenten erfolgreich behandelt werden können? Ein vom renommierten Wellcome Trust gefördertes Konsortium aus Universitäten und Pharmafirmen geht dieser Frage nach und sucht in einer mehrjährigen Studie nach neuen Wirkstoffen. Und welche Rolle spielt Stress bei der Entstehung von Depression? George Slavich von der University of California vermutet, dass die Wirkung von sozialem Stress auf das Immunsystem der Schlüssel sei, um die Depression zu verstehen. Der Film dokumentiert, wie die Forscher mit modernen bildgebenden Verfahren, Immun- und Genanalyse die Prozesse an der Schnittstelle zwischen Körper und Gehirn, zwischen Physis und Psyche untersuchen.“

Regie: Dorothee Kaden, Carsten Schollmann, D 2016

Quelle: http://www.arte.tv/de/videos/063624-000-A/depression-neue-hoffnung

 

Wenn Ihr die Doku bereits gesehen habt oder die nächsten Tage noch zu schauen schafft und vielleicht eigene Gedanken zu den vorgetragenen Thesen habt, dann schreibt gerne einen Kommentar oder einen eigenen Beitrag auf Eurem Blog und informiert mich über die Kommentarfunktion, falls ich Euch nicht folgen sollte oder den Beitrag im Reader übersehe.

 

Mut zur Veränderung

Mut zur Veränderung

 

Gerda Kazakou (https://gerdakazakou.com) gab mir heute in ihrem Kommentar den letzten Stups, Layout und Headerbild meines Blogs anzupassen.

Ich hatte bereits länger schon darüber nachgedacht, dass das düstere Schwarz im Hintergrund und das traurige Gesicht im Headerbild, nicht mehr ganz zu mir passen und auch mit Clara (https://chh150845.wordpress.com) hatte ich vor Wochen schon einmal eine kurze Unterhaltung zu diesem Thema.

Ich schrieb Gerda heute als Antwort, dass ich auf meinen inneren Impuls warten würde, die Seite anzupassen. „Entscheidungen zu fällen, Loszulaufen oder auch Dinge loszulassen“ fiele mir eben noch immer schwer.

Sodann wollte ich mich wieder auf mein Sofa zurückziehen, denn heute habe ich das Gefühl, meinen Kopf nach so vielen Impulsen während der letzten Tage und Wochen dringend in den Sand stecken zu müssen.

Dann aber ratterten die Gedanken. Mein Homepagelayout hat mich schon mehrere Wochen lang gestört und doch hatte ich es bisher einfach nicht geschafft, dem Veränderungsdrang nachzugeben. Warum?

  1. Perfektionismus: Wenn schon Änderung, dann würde ich natürlich alles perfekt machen wollen. Die Seitenstruktur überprüfen, Korrektur lesen, ein neues Gravatar-Bild und und und. Keine halben Sachen ist mein Motto, was aber eben auch sehr hemmend sein kann. Denn was nicht perfekt zu werden verspricht, wird eben auch schwer angefasst.
  2. Entscheidungen fällen: welches neues Layout, Hintergrundfarbe, Schriftfarbe, Headerbild ja/nein und wenn, dann welches? Für mich eine meterhohe Hürde.
  3. Loslassen – Immerhin habe ich mich an das alte Layout gewöhnt. Es ist nun weg, vorbei, im Mülleimer der www. Aber das bedeutet ja – Trennung!, Verlust!, in gewissem Sinne ja auch Sterben! Irgendwie war der Blog eine gewisse Konstante, ein Pflock, ein Fels während der letzten Monate. Geht das nicht verloren mit dem neuen Äußeren? Natürlich weiß ich – der „verständige“ Teil in mir -, dass es hier nur um Äußerlichkeiten geht, Kinkerlitzchen. Absolut nicht der Rede wert. Dennoch – das Kindlein in mir jammert, klammert, ist betrübt.
  4. Der wichtigste Hinderungsgrund aber: Ich hatte / habe Furcht vor dem Versagen. Was ist, wenn ich auf meinem weiteren Weg scheitere? „Verdiene“ ich überhaupt ein fröhliches Layout oder bin ich eine Lügnerin, eine gemeine Betrügerin, die Euch nur einen angeblichen Fortschritt vorspielt? Jede Besserung, jeder kleine Schritt nach vorne, den ich tue, macht mir Angst, denn die Fallhöhe nimmt zu. Je besser es mir geht, desto tiefer kann der Absturz sein. Und wenn ich stürze, so behauptet mein depressives, kleines, krankes, angstdurchdrungenes Ich, dann bin ich selbst schuld, war ich nicht fleißig genug, nicht achtsam genug, habe nicht genug Sport gemacht, habe meine depressiven Gedanken nicht unter Kontrolle. Denn schließlich habe ich eine läppische Volkskrankheit, mit der Abertausende auch ihr Leben auf die Reihe kriegen, arbeiten gehen und sich um ihre Familie kümmern. (ja, „verrückt“, oder? Je öffentlicher das Thema Depression diskutiert wird, je mehr bekannt wird, dass so viele Menschen diese Krankheit haben und eben halbwegs damit zurechtkommen und nicht ewig unten auf dem Boden bleiben, um so größer wird der Druck, den ich verspüre. Denn ich muss auch so erfolgreich wie all die anderen DepressionsüberwinderInnen sein.)             …….Und was hat das jetzt mit dem Layout zu tun? Nun, ich habe einen ganz schrecklichen Hang zu Symbolik, symbolischen Akten. Ein hoffnungsvolleres Blogdesign steht symbolisch für meine Fortschritte im Kampf gegen die / mit der Krankheit. Eine Anpassung des Designs der Seite erhöht also auch den selbstgeschaffenen Leistungsdruck: „Dieses Niveau musst Du halten. Schaffst Du das nicht, bist Du eine Versagerin.“

Gedanke reihte sich an Gedanke, während ich auf dem Sofa lag – nur an Ruhe war nicht mehr zu denken. Also stand ich auf, setzte mich an den PC und — nahm Gerdas Impuls auf (Danke hier nochmal an Dich) und installierte ein neues Theme. Siehe da, da ist es nun.

Das reicht an Worten. Finde ich. Jetzt will ich mit meinem Kopf ganz schnell wieder tief zurück in den Sand stecken!

In Pankow zur Fête de la Musique

 

Das war er also, der längste Tag des Jahres, Sommeranfang, Sommersonnenwende. Von nun an werden die Nächte wieder länger und länger … und länger.

In Berlin wie auch in vielen anderen Städten Europas wurde gestern wieder das Fest der Musik gefeiert, die Fête de la Musique, bei dem überall in der Stadt Musiker für lau auftreten. Überall?? Trügt mich mein Gedächtnis, wenn ich mich sehe, wie ich vor einer Dekade und noch früher an diesem Tag scheinbar ziellos durch den Kiez laufen und an vielen Straßenecken einzelne Musiker und ganze Bands hören konnte? Das gestrige Programm schien mir da vergleichsweise übersichtlich.

Die vergangenen Jahre, versunken in Arbeit oder Depression, hatte ich von der Fête de la Musique nichts mitbekommen. Derzeit bin ich ja aber mal wieder dabei, ein wenig aus meinem Schneckenhaus herauszuluken und ich war ja auch schon, mich selbst überschlagend, auf der Sternfahrt, der großen Fahrraddemo des ADFC. Gestern aber wollte ich die Trumpfkarte ausspielen, und wenigstens ein Quäntchen Open Air Konzertluft schnuppern.

Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich mich dann tatsächlich auf mein Fahrrad setzte und zuerst nach Weissensee fuhr und von dort nach Pankow, wo W und ich tatsächlich einen sehr angenehmen Ort fanden, um den Abend zu verbringen. Um uns herum in etwa Gleichaltrige – junggebliebene Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von etwa vierzig Jahren samt ihrer Kinderschar. Die ganze Szene hatte durchaus etwas von einem gelungenen Familienausflug. Wir fanden einen guten Platz auf dem Rasen – mittendrin und doch gefühlt am Rand, wo wir unsere Picknickdecke aufschlugen und uns einrichteten.

Die erste Band, die wir hörten, war niedlich jung. Die zweite Band war ebenso alt oder eher jung ( 😉 ) wie wir, das Publikum, und hatte viel Spaß, was sich auf uns Zuhörer übertrug. Die dritte Band war noch ein wenig älter, virtuose Jazzfunker, die ihr Handwerk verstanden. Mit ihnen trat übrigens die einzige Frau auf – bezeichnenderweise klassisch mit — Gesang. Musikerinnen, Frauen, wo seid ihr hin?

Der Schlussakt, CASH GROUP, brillierte dann mit ziemlich witzig-gutem anarcho-pop (für die, die es interessiert, hier der Link zu ein paar Beispielsongs) und war durchaus mitreißend. Die letzten zehn Minuten konnte mich W sogar motivierten aufzustehen und ein Stück näher an der Bühne mitzuwippen.

Mein Krückstock oder Brandungsfels waren W sowie mein Zeichenblock. Das Kritzeln gibt mir immer mehr Sicherheit, ein Paradoxon, wie ich weiß, macht es doch alles andere als unsichtbar, mit dem Zeichenstift in der Menge zu sitzen. Mir soll das aber recht und lieb sein, so habe ich mir und Euch von gestern ein paar Kritzeleien von Publikum und Bühne mitbringen können.

 

 

 

Zersplintern

 

Das hier gezeigte Bild ist gewissermaßen auch aus der von Susanne Haun angeregten Reihe „Ich im Badezimmerspiegel“ und „Blind im Spiegel“ entstanden.

 

Die beiden Hauptprofile entstanden gewissermaßen geschlossenen Auges und „aus mir heraus“. Ich habe dann, wieder sehend, die Zeichnung fortgeführt. „Zersplintern“ kam mir als spontaner Titel in den Sinn.

Zersplintern

Zersplintern, Pastellkreide auf grauem Skizzenpapier A3, (C) Agnes Podczeck 2017

Pünktchen Pünktchen Komma Strich …

… mag mein depressives Monster nicht.

 

Was folgendes betrifft, wiederhole ich mich gerne. Das Zeichnen gehört zu den wichtigsten meiner Skills. Zwar ist meine Welt davon nicht gleich Eierkuchen-rosa rot und alle Krankheit weggepustet, trotzdem kann es helfen, ein paar lustige oder niedliche Dinge zu zeichnen, wenn die Stimmung am Kippen ist.

Wenn Ihr mögt, versucht es doch selbst einmal:

Pünktchen – Pünktchen – Komma – Strich – fertig ist das Mondgesicht.

20170430_MondBG

Ich muss automatisch selbst grinsen, wenn ich einen lachenden Mund ziehe. Das erinnert mich an die Zeit, als meine Töchter noch jünger waren. Auch (Groß)Eltern, die ihre (Enkel)Kinder mit Brei füttern oder ihnen die Zähne putzen kennen das bestimmt: Wir machen unserem Gegenüber die Mundbewegung vor, die wir erwarten.* Und so muss ich also lachen, wenn mein Strichmännchen grinsen soll. Ganz egal, wie schlecht meine Laune sonst ist.

Und plötzlich bekomme ich Lust, noch ein paar Faxen zu machen und den Monden Ohren, Brillen oder Hörner zu zeichnen. Da soll sich das Depressionsmonster mal schön warm anziehen, denn im Gegensatz zu mir hat es Null Bock auf Gute Laune.

 

 

Im Psychikon gibt es noch ein paar Worte zum Thema Skills.

 

* Haben Zahnärzte also deshalb einen Mundschutz im Gesicht, damit wir nicht sehen, dass sie selbst uns das AAAAAAAa heimlich vormachen 😉 ?

 

Die Sauerstoffmaske

 

Ein kleiner Beitrag „zwischendurch“, denn vorhin habe ich bei Nina (hier) folgendes gelesen:

„Auch, wenn ich oft nicht daran glaube, es verdient zu haben, werde ich immerhin besser darin, auf mich aufzupassen – dabei trickse ich mich selbst aus, indem ich an Flugzeuge denke: Dort sagen sie nämlich immer, man muss sich unbedingt selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen hilft und das heißt umgelegt auf mein Leben, dass ich nur eine gute Partnerin/Freundin/Angestellte sein kann, wenn ich ein Mindestmaß an Selbstfürsorge hinkriege.“

Auch ich und sicher viele von Euch, liebe Leserinnen und Leser, habe ein großes Problem mit der Selbstfürsorge – wir sind zu Bescheidenheit erzogen, dazu uns selbst zurückzunehmen, alle eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Eigenlob stinkt, haben viele von uns gelernt; an sich selbst zu denken bedeutet schändlichsten und abgrundtief abzulehnenden Egoismus.

Ich versuche, mir mein schlechtes Gewissen, weil ich gerade mich und meine Bedürfnisse, meine Heilung in den Vordergrund stelle, immer wieder auszureden, aber oft ist es schwer. An Tagen, an denen es mir schlecht geht, fühle ich mich für meinen angeblichen Egoismus ausreichend bestraft. Aber an Tagen, an denen es mir besser geht, kommen die Selbstvorwürfe aus der Erde, wie die Regenwürmer nach einem Regenguss. Da ist Ninas Gleichnis großartig, um mir wieder und wieder und wieder zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, an mich selbst zu denken; eben damit ich später auch wieder die Kraft habe, mich für andere einzusetzen (wobei ich lernen muss, auch dann noch auch an mein eigenes Befinden, meinen Krafthaushalt, meine eigenen Bedürfnisse zu denken).

Mut am Sonntag

 

Auch diese Woche kann ich stolz auf meine „Leistung“ am Sonntag sein. Wieso setze ich das Wort „Leistung“ in Anführungsstriche? Es ist, vor dem Hintergrund der Schwere des depressiven und phobischen Schubs, den ich hinter mir habe, schon eine riesige Leistung, sonntags durch den vollen Mauerpark zu laufen. Ich gehe anonym in der Masse unter, ja, das hilft mir. Dass mein Freund dabei ist, hilft mir auch. Aber ich habe ja keine Tarnkappe auf und es ist schon eine ganze Menge Input – für die Augen, Ohren und auch den Geruchssinn -, den die Besucher des Berliner Mauerparks verarbeiten müssen.

Je sonniger die Sonntage, desto voller ist der Park. Seht selbst! Ich habe der Bildergalerie noch zwei Aufnahmen vom vergangenen Sonntag eingefügt. Da wurde ich für meinen Spaziergang nämlich durch die Musik einer besonderen Straßenmusikerin belohnt: Alice Phoebe Lou. Vielleicht hat ja die eine oder der andere schon einmal von ihr gehört.

Diesen Sonntag begleitete ich meinen Freund außerdem kurz in die Wohnung eines Freundes von ihm. Darauf bin ich besonders stolz. Ich habe mich dort zwar eher an den beiden tollen Hunden „festgehalten“, aber einige Sätze sind doch über meine Lippen gekommen. Wow!

Außerdem ein Spaziergang durch die Oderberger Straße, die vor Touristen fast bersten wollte. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn die Straße ist gerade im Frühling und im Sommer besonders schön. Ein Blumenkübel reiht sich an das nächste Beet; die Mehrzahl ist wohl von Café- und Restaurantbetreibern angelegt, die natürlich an einer hübschen Gestaltung der Straße ein sehr leibliches Interesse haben.

Als Schlusswort ein Beispiel dafür, wie ich positives Denken trainiere: Letzten Montagmorgen bin ich erneut durch den Park gelaufen und wollte sehen, wie sehr er durch das bunte Treiben in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Morgen war kühl und grau. Dort, wo gestern noch die Bands spielten, machten heute ein paar Mütter ihre Rückbildungsgymnastik. Am Rande saß ein Obdachloser, noch in seinem Schlafsack gewickelt. Die Flaschensammler waren wohl in der Nacht noch umhergegangen, denn Pfandflaschen lagen keine mehr herum. Und ja, die Wiese war vermüllt, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet hatte. Von den vielen tausend Besuchern hat die überwiegende Mehrzahl ihren Müll mitgenommen. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder?