Fliegen

Fliegen

 

Inzwischen ist es so, dass es für mich nicht mehr ganz so anstrengend ist, in den Räumen der Ergotherapiepraxis zu sein. Ich bin zweimal wöchentlich dort, jeweils zur selben Zeit und meist in Anwesenheit eines mir inzwischen bekannten (wenn auch nicht vertrauten) PatientInnen- und TherapeutInnenkreises.

 

Ich komme zur festgelegten Zeit, weiß inzwischen, wo die Materialien sind und ich bekomme meist ungefragt Hilfe beim Aufbau von Staffelei und Leinwand angeboten. Gelegenheit zum Training von Kommunikation ist dennoch. Psychische Krankheit geht ja nicht bei allen PatientInnen mit Schweigsamkeit einher. Ich wundere mich manchmal, welches Redebedürfnis die anderen KlientInnen der Praxis haben. Das ist auch eine Strategie in der Krankheitsbewältigung. Auf Smalltalk kann ich mich nicht einlassen und ich erzähle auch nichts von mir, aber meine Bilder laden MitpatientInnen zu regelmäßigen Fragen ein: warum dieses Motiv, warum die Farbe, ist das ein Selbstporträt, ein Spiegel, ein Wunschtraum? Inzwischen bringt mich das immerhin nicht mehr so ins Schleudern und ich ducke mich nicht mehr vor Angst, angesprochen werden zu können.

 

Das erste große Bild ist fertig. Ich habe es nicht abgemessen, aber es dürfte vielleicht zwei Meter breit sein. Damit ist es entschieden zu groß, um bei mir zu Hause Platz zu finden. Für mich schmeichelhafterweise freuen sich die Mitarbeiter der Praxis, mein Bild als Dauerleihgabe zu behalten und an prominenter Stelle – im regelmäßig frequentierten Durchgang und Raucherraum – aufzuhängen.

Für einen richtigen, endgültigen Titel konnte ich mich noch nicht entscheiden, „Fliegen“ ist die vorläufige Version.

 

 

 

Nun arbeite ich an einem weiteren großen Bild und ich bin so ergriffen vom Thema Wolf, dass für mich kein anderes Motiv in Frage kommt als ein einsamer Wolf in den Weiten der Steppe – – – was zugegebenermaßen reichlich Gelegenheit für Projektionen und Deutungen gibt.

Die Rohversion zeige ich hier schon einmal.

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Was das angesprochene Thema der „Ausstellung“ betrifft – ich setze das Wort bewusst in Gänsefüßchen, denn es ist nicht so hochtrabend „wichtig“, wie es klingt (fast komme ich mir vor wie eine Hochstaplerin):

Am 18. August wird das zweijährige Jubiläum der Praxis mit einem Tag der Offenen Tür gefeiert. In diesem Rahmen werden öffentlich Arbeiten gezeigt, die in der Ergotherapiepraxis entstanden sind. Ich darf und werde meine beiden großen Bilder zeigen, aber auch zu Hause entstandene Ölbilder und einige der Zeichnungen, die ich in der Klinik als Überlebensstrategie gezeichnet habe.

Ich kann Euch auch die vielen interessanten Werke der anderen ans Herz legen. In der Praxis tummeln sich hoch kreative und ausdrucksstarke Menschen. Falls jemand von den Ortsansässigen Interesse hat, beschreibe ich noch einmal, wann und wo genau Fest und „Ausstellung“ stattfinden werden.

Ein paar der Bilder hängen seit Freitag:

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Im Offenen Atelier

Im Offenen Atelier

 

Inzwischen habe ich einen Träger gefunden, der ein „Offenes Atelier“ im Rahmen der Ergotherapie anbietet – nur knapp fünfzehn Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt und ohne jegliche Krankenhaus- oder Gefängnisatmosphäre (siehe hier). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheinen nach meinem erstem Eindruck wirklich mit dem Herzen bei der Arbeit zu sein und es gibt ausführliche Einzelgespräche, in denen für jedeN PatientIn das genau passende Therapieprogramm ausgewählt wird.

Für mich geht es ja weniger darum, dass ich Anleitung für eine „sinnvolle“ Beschäftigung brauche. Ich habe mich, glaube ich, (fast?) noch nie in meinem Leben gelangweilt und jetzt, zu Hause, zeichne, male, schreibe, fotografiere, spaziere und lese ich in genau dem begrenzten Umfang, den mir Körper und Seele gestatten. Mein persönliches Ziel ist es, mit Hilfe einer Beschäftigung die Gegenwart von und die Interaktion mit Menschen zu trainieren. So sehr ich es mir manchmal wünsche, mein Leben als Einsiedlerin gestalten zu können – das ist schon allein wegen meiner Familie nicht möglich und auch der eigenständige Broterwerb, den ich selbstredend wieder anstrebe, setzt voraus, dass ich mich unter Menschen aufhalten kann, ohne dass der damit verbundene außerordentliche Stress einen erneuten Krankheitsschub auslöst.

Ich habe bisher erst einige Male im Offenen Atelier gearbeitet – für mich ist es schon allein eine Herausforderung, mit den neuen Räumen und den verschiedenen MitarbeiterInnen halbwegs vertraut zu werden. Ich musste fragen, wo Leinwände sind, Pinsel, Farben, ob ich eine Staffelei haben kann, wo ich mich platzieren kann und vieles mehr.

Die Regel ist es aber, dass die PatientInnen hier an verschiedenen Gruppenangeboten teilnehmen, z.B.  Holzbearbeitung, Rahmenbau, Upcycling, Siebdruck; es gibt aber auch eine Theatergruppe, die mich ganz besonders reizt und sogar eine Redaktion, die eine eigene kleine Zeitung herausgibt. Da haben meine Ohren natürlich freudvoll geklingelt und ich muss mich mahnen, nicht gleich wieder alles zu überstürzen und zu viel auf einmal zu wollen, mich Schritt für Schritt an zusätzliche Belastung heranzutasten. Wie schnell ich stürzen und wieder „von vorn beginnen“ kann, habe ich in den letzten mehr als drei Jahren mehrfach erlebt.

Ich darf gerade eine riesige Leinwand bearbeiten und mich entsprechend austoben – meiner Schätzung nach ist sie etwa zweieinhalb mal ein Meter groß, aber ich habe sie nicht ausgemessen. Es stehen große Töpfe Gouache-Wasserfarben zur freien Verfügung. Zunächst war ich etwas unentschlossen ob der riesigen malerischen Möglichkeiten, die sich mir plötzlich darboten und fühlte mich sowieso in der fremden, einem Teil von mir gefährlich scheinenden Umgebung, gehemmt und gefesselt. Also überwand ich mich, die Mitarbeiterin noch nach einem Stück Kohle zu fragen, und schloss dann die Augen wie bei unserem Blindzeichenprojekt. Ich umriss mein Profil, wie ich es vor meinem inneren Auge sah und zog weitere Linien, die sich, nachdem ich wieder sah, zu einem fliegenden Drachen (symbolisch für einen Teil meiner Selbst) über Berglandschaft formte.

Das hier gezeigte Foto zeigt einen Teil des Bildes zu Beginn der letzten Therapiestunde. Weitere Fotos konnte ich nicht machen, weil mein Handy behauptete, keinen Speicherplatz mehr zu haben und ich lieber malen wollte als mich um das Telefon zu kümmern. Manche Kohlestriche seht hier noch durchschimmern. Die Farbe des Himmels hat sich inzwischen verändert und die Körperform des Drachens ebenfalls, was Ihr auf diesem Ausschnitt ohnehin nicht sehen könnt. Er ist inzwischen weniger behäbig, dafür beweglicher und schneller geworden.

Ich selbst bin sehr gespannt, morgen meine Leinwand wiederzusehen. Zu Hause habe ich die Bilder, an denen ich zeichne oder male, immer in Sichtweite und so ist es für mich ein merkwürdiges Gefühl, vom eigenen Bild für so viele Tage getrennt zu sein.

 

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Gefängnismauern, Trübsal und dann Rhododendrenblüten

 

Der heutige Tag war sehr durchwachsen. Mittags hatte ich einen Termin, mir ein „Offenes Atelier“ anzusehen, in dem psychisch kranke PatientInnen sich treffen, zusammen kreativ sein, sich austauschen und in sicherem Rahmen miteinander sprechen können. Das hatte ich mir als nächsten Schritt zur Rückkehr in einen wie auch immer gestalteten Alltag, in dem ich vermehrt soziale Kontakte trainiere, vorgestellt.

Natürlich war ich schon die letzten Tage sehr aufgeregt, hatte dementsprechend schlecht geschlafen und auf dem Weg zur U-Bahn merkte ich , dass sogar meinen Füßen die Kraft fehlte. Leider wurde die Angst vor Ort nicht schwächer, denn es stellte sich heraus, dass sich das Atelier mitten auf dem mir riesigen erscheinenden Gelände eines Gefängniskrankenhauses mit Abteilungen für forensische Psychiatrie befand; ich musste an lauter hoch gesicherten Gebäuden entlang gehen und verirrte mich zudem. Auf großen Tafeln stand zu lesen, dass das Fotografieren streng verboten ist und ich hatte Angst, mein Smartphone mit integrierter Kamerafunktion auch nur anzufassen, weil ich befürchtete, es könnten sich Horden von Wachleuten auf mich stürzen und mir das Handy aus der Hand reißen. (So unbegründet ist die Angst nicht, denn dies war mir tatsächlich mal in einem anderen Land zu einer anderen Zeit passiert als ich unabsichtlich und naiverweise ein noch betriebenes Straflager fotografierte. Aber das ist eine Anekdote, die ich vielleicht ein anderes Mal erzähle.

Letzten Endes stellte sich heraus, dass das Atelier heute geschlossen hatte und die Therapeutin vergessen, meinen Termin abzusagen. Aber auch ohne das Atelier von innen gesehen zu haben weiß ich, dass ich dieses gruselige Gelände nie mehr betreten möchte – auch wenn die dortige Ergotherapie sehr gelobt wird.

Nächste Woche habe ich bereits einen Termin für ein alternatives Angebot.

Dieser Gefängnisausflug hat mich arg mitgenommen, da haben Behördenpost und Co. ein leichtes Spiel gehabt, mir düstere Zukunftsvisionen aufzuzeigen und die glimmende nackte Existenzangst heiß und lodernd zu entfachen.

Fast hätte ich mich gehen lassen und mich meinem Elend ergeben. Mein inneres Kind jammerte nach Mitleid. Aber ich habe dann statt dessen ein paar Kritzeleien meiner Katzen gemacht, was für mich ein sehr guter Skill ist, Fotos sortiert und ein paar Eurer Beiträge gelesen. Jetzt kann ich den mittäglichen Ausflug mit etwas Abstand und Ironie sehen. Immerhin habe ich heute Stoff gesammelt für die Gruselgeschichten, die ich später meinen Enkelkindern erzählen kann.

Und um diesen Beitrag gänzlich optimistisch enden zu lassen, hier eine Auswahl meiner Fotografien aus dem inzwischen abgeblühten Rhododendrenparadies im Berliner Tiergarten.

Wenn Ihr eines der Bilder anklickt, öffnet sich die Galerie und Ihr könnt die Bilder in vergrößerter Ansicht betrachten.

Engel

 

Hier eine Zeichnung, die ich vor zwei oder drei Wochen in der Tagesklinik angefertigt hatte. Ich hatte (habe) zwar meinen Speckstein zur Bearbeitung – hier der Beitrag dazu, ein späterer Eintrag zum „Ergebnis“ wird noch folgen – hatte aber zwischendurch immer wieder das Bedürfnis zu zeichnen. Wie ich bereits mehrfach schrieb ist das etwas, was ich momentan offensichtlich lebensnotwendig brauche, um bei Verstand zu bleiben.

Manche der Kritzeleien habe ich bereits entsorgt. Die Zeichnung „Engel“ habe ich aufbewahrt. Sie ist vielleicht nicht meine zeichnerisch-handwerklich Beste, aber für mich hat sie Symbolcharakter und steht in einem gewissen Sinn für einen Schritt im Prozess meiner Heilung. Wie genau, das kann ich gar nicht erklären. Zum Glück bin ich keine Kunstwissenschaftlerin und überlasse die Interpretation des Bildes getrost den anderen. Mag jedeR sehen, was er sehen möchte, will und kann.

Ich habe ohne konkreten Vorsatz zu zeichnen begonnen, was mir in den Sinn kam. Die Engel entstanden quasi von allein. Ursprünglich zeichnete ich mit Kohle, bis mich die Pastellkreide im Regal hinter mir rief, um die Farbakzente zu setzen.

 

 

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Engel, Kohle und Pastellkreiden auf A3-Papier, Tagesklinik, Januar 2017

 

 

An Tagen wie diesen …

… an denen mich morgens mein tablettenaufgedunsenes Gesicht anglotzt,

… die Hose über den ehemaligen Läuferinnenbeinen spannt,

… die nasse Kälte unter die Kleider zieht,

… die Wolken tief hängen

… und sich die Dunkelheit tagsüber nie verzieht,

glaubt die Stimme des inneren Monsters endlich wieder Oberwasser zu haben:

„Dieses ganze Achtsamkeitsgedöns, sieh dich an, sieh, wie wie wenig Kraft du hast, spüre deine Schmerzen! Das hältst du sowieso nicht lange durch, dich zusammenzureißen; wie willst du denn in diesem Zustand in eine berufliche Reha gehen, das schaffst du nie nie nie und niemals! Warte es nur ab, bald brichst du wieder zusammen. Du bist nicht geschaffen für ein Leben in Interaktion mit anderen Menschen, hältst nichts aus, ein Windhauch pustet dich um. Stell‘ dich darauf ein, dein ganzes Leben in deinen vier Wänden zu verbringen, allein, Pillen schlucken, damit du nicht komplett irre wirst und du wirst nur nicht deswegen so vergnatzt und verhärmt aussehen, weil du so fett geworden sein wirst. Die Leute werden sich vor dir gruseln, Kinder werden vor dir weglaufen. Wirst ein Leben lang von Almosen leben. Bestenfalls wirst Du weiter kritzeln und ein bisschen bloggen – anderen Leuten vormachen, Du seist stark, Du Betrügerin.“

Der innere fiese Monolog ist lang.

Ich will dem die Figur der Frau Schwermut entgegenhalten, die ich Anfang Oktober formte, als ich erst am Anfang meiner Klinikzeit stand. Ein Abbild meines damaligen Ich-Gefühls. Dagegen bin ich heute ein fröhliches Rehkitz. Und Du, mein inneres Monster, Bist längst nicht mehr so allmächtig wie damals.

Ich sage es Dir nochmals und nochmals: ich bin auf dem Weg heraus aus dem Tal. Versuche es nur, mich wieder in den Schlund zu ziehen: es wird mich nur noch stärker machen.