Hippiefreuden

 

 

20180119_LiLottHippie
Was zum Teufel hat sie da denn angeschleppt?

 

Nun rede und schreibe ich ja schon länger immer mal wieder davon, dass ich lernen wolle, mich von Dingen zu trennen, damit auch Ballast abzuwerfen und Platz und Luft zum Leben und Atmen zu gewinnen.

Einiges habe ich auch bereits aussortieren können, weiteres wird folgen, auch wenn es  nicht immer leicht fällt.

Aber manchmal kehren die Dinge auch zurück.  Von meinen Eltern bekam ich heute eine Klomottenkiste überreicht, die ich wohl im Sommer 2003 gepackt hatte, als ich mein WG-Zimmer räumte und für einige Zeit das Land verließ. Offensichtlich habe ich diese Kleider danach nie abgeholt und später dann vergessen.

Ich wollte die Sachen eigentlich nur sortieren, waschen und dann das Brauchbare zur Kleidersammlung der Caritas bringen. Aber was finde ich? Meinen alten geliebten Hippierock und noch ein paar andere Klamotten, von denen ich manche schon als Teenager in Zweiter Hand erstanden hatte. Was für eine Überraschung, was für eine Freude, was für Erinnerungen sich auch auftaten. Ja, ich hatte zwei Extreme Kleiderphasen – ganz in Schwarz und ganz in Hippiebunt. Dazwischen nichts.

Die wiedergefundenen Sachen werden wohl bei mir bleiben und als Belohnung dienen für konsequentes Lauftraining und Yoga, denn mit Antidepressivaspeck geht der Reißverschluss nicht zu schließen. Und dann muss noch das Selbstbewusstsein gut gefüttert werden, damit ich mich auch nicht schäme, in meinem Alter noch in dem alten Hippiezeug herumzulaufen. Ob das bis zum Sommer klappt?

Wir werden sehen …

 

Advertisements

Loslassen und Platz zum Leben schaffen

 

Mein Großvater hat in den Monaten bevor er starb viele Dinge aussortiert und weggeworfen. Ganze Ordner mit verschiedenen Papieren entleerte er. Meine Mutter und ich waren entsetzt, als wir davon erfuhren und baten ihn, damit aufzuhören. Er hatte es gut mit uns gemeint und wollte uns nicht mit diesen Dingen belasten.

Für meine Mutter und mich stellten und stellen die alten Aufzeichnungen und Fotos hingegen einen wahren Schatz dar. Meine Mutter ist seit jeher an alten Zeugnissen der Familiengeschichte interessiert und ich selbst betone auch hier in Bloghausen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass ich ja „eigentlich“ Historikerin bin. Meine Mutter hat sich als wahre Detektivin entpuppt, wenn es um die Rekonstruktion und Zusammensetzung einzelner Bruchstücke geht. Dabei macht uns nicht immer stolz, was offenbar wird, besonders im Zusammenhang mit antisemitischer Propaganda und mutmaßlichen Naziverbrechen entfernterer Verwandter.

Indirekt erfuhren wir auch einiges über uns, zum Beispiel woher denn unser Hang zum Sammeln, Aufheben und Bewahren des Vergangenen kommt. Dass ich Dinge horte, archiviere und nicht aus der Hand geben kann, hat weniger mit meiner psychischen Störung zu tun als mit erlernten, beobachteten und so über die Generationen weitergegebenen Verhaltensweisen, die dann aber wiederum guten Brennstoff für meine Krankheit liefern können.

Dabei arbeite ich schon seit Jahren an mir und in der Tat musste ich mich von vielen Dingen meiner Vergangenheit bereits trennen. Mehrere Umzüge und wenig Stellfläche haben da Fakten geschaffen, denen ich mich nicht widersetzen konnte. Auch wenn es sehr sehr sehr weh getan hat und ich bei manchen Dingen tatsächlich weinen musste (und noch heute traurig bin!).

Seit ich in meiner aktuellen Wohnung lebe, habe ich es bereits geschafft, mich von weiteren Dingen zu trennen; aber es ist mir immer, als ob ich einen ganz wichtigen Teil von mir, meines ganzen Daseins und meiner Vergangenheit weggebe. Andererseits ist meine Wohnung trotzdem noch immer vollgestellt und gerade durch die dunkle Erdgeschosslage fühle ich mich manchmal geradezu erdrückt. Erdrückt von den Dingen, die ich so mit mir mitschleppe, die ich nicht loslassen kann; das lässt sich sowohl als Gleichnis als auch ganz wortwörtlich nehmen.

Bei Maria von widerstandistzweckmaessig lese ich mit besonders großem Interesse ihre Beiträge über das Loslassen (>>hier<< der Link zu ihrem ersten Beitrag zu diesem Thema). Nun hat sie die Idee des umgekehrten Adventskalenders, die einige andere Blogger hatten, aufgegriffen und sortiert jeden Tag bis Weihnachten ein Teil aus ihrem Kleiderschrank aus, um es dann zu verschenken. >>Hier<< der Link zu diesem Beitrag von Maria, in dem sie wiederum auf die ursprünglichen InitiatorInnen verweist.

Einen großen Teil meiner Wohnung nehmen meine Bücherregale ein. Einige Bücher hat mein Bruder bei seinem Auszug aus der Familienwohnung stehengelassen, einige stammen aus dem Nachlass meiner Großeltern. Viele habe ich mir in den Jahren auf diversen Flohmärkten für kleines Geld zusammengekauft. Wer die immer noch langen Buchreihen sieht, wird nicht glauben, dass ich bereits bestimmt ein Fünftel oder ein Viertel meiner Bücher verschenkt habe.

Bei den übrigen Büchern dachte ich, sie unbedingt behalten zu müssen. Das gilt für die Fachbücher sowieso. Und bei den Romanen denke ich immer daran, wie ich es als Kind geliebt habe, die vollen Bücherregale bei den Großeltern und meinen Eltern zu betrachten. Als Jugendliche habe ich oft Stunden vor dem elterlichen Bücherregal gehockt und etliches an tollem Lesestoff gefunden. Für meine Kinder wünsche ich mir das auch.

Aber werden sie wirklich Interesse an allen Büchern haben, die in meinen Regalen stehen? Sollte ich ihnen nicht vielmehr eine besondere Auswahl zeigen? Für alles weitere hat die Stadt gute öffentliche Bibliotheken.

Und was ist mir mir? Bisher dachte ich, dass ich alle Bücher, die es durch die letzte Auslese geschafft haben, wirklich auch noch lesen werde oder wiederholt lesen möchte. Oder zumindest jederzeit noch einmal hineinschauen. Das ist leicht zu glauben, wenn man zwanzig ist. Auch mit dreißig Jahren und noch fünfunddreißigjährig unterlag ich dem Glauben noch sehr viel Zeit zu haben.

Inzwischen ahne ich, dass mir für so viele Bücher gar nicht die Lebenszeit bleibt. Gerade habe ich depressionsbedingt ohnehin weniger Konzentration für das Lesen als früher, als ich Bücher geradezu eingeatmet habe. Und selbst wenn es mit der Konzentration wieder besser wird und ich mehr lese, erscheinen ständig so viele neue, interessante und lesenswerte Bücher.

Hinzu kommt: irgendwann wird dieses Haus einmal saniert oder gar modernisiert werden müssen. Es ist in der Tat vieles marode. Doch dann werde ich hier die Miete endgültig nicht mehr zahlen können und mir eine andere Bleibe suchen müssen. Mit vermutlich noch weniger Platz. Abgesehen davon, dass sich ein Umzug mit nur wenigen Habseligkeiten besser organisieren lässt. Für diesen Tag, der hoffentlich noch lange hin ist, will ich vorsorgen und weiter aussortieren.

Zum Einstieg fange ich klein an und wandele Marias Idee wiederum für mich passend ab: Jeden Tag bis Weihnachten trenne ich mich von einem meiner Bücher und sammle auf einem kleinen Tisch neben meinem Sofa. Bis zum neuen Jahr habe ich dann Gelegenheit, alle Bücher noch einmal durchzublättern. Wenn ich dann doch entdecke, dass ich eines behalten muss, dann kann ich es durch ein anderes Buch austauschen. Im Neuen Jahr dann werde ich die Bücher weggeben – Möglichkeiten Bücher zu spenden gibt es in Berlin ja zuhauf.

Wie leicht fällt es Euch, Dinge wegzugeben?

Vielleicht habt Ihr gar Lust, bei dieser umgekehrten Adventsaktion mitzumachen, Dinge abzugeben anstatt Euch dem scheinbaren (!) Konsumzwang der Vorweihnachtszeit zu unterwerfen?

 

 

Herbstleuchten (11) – Sankt Martin

 

Mit Erinnerungen ist das ja so eine Sache und ich kann nicht beschwören, dass ich tatsächlich erst als Mutter eines Kindergartenkindes erfahren habe, dass es ein Sankt Martins Fest gibt. In meiner Kindheit, so mein Gedächtnis, gab es wohl ein Laternenfest und auch das Lied „Laterne Laterne“ habe ich gesungen. Aber damals war es Sommer, die Abende lau, und ich sehe mich noch mit meiner Mutter im Gras am Ufer der Saale sitzen. Eine kurze Exkursion ins WWW bestätigt dieses Erinnerungsbild: in meiner Kindheitsstadt Halle (darf ich noch Heimatstadt sagen? Ich zog mit zwölf Jahren fort ins für mich damals böse Berlin …) wird das Laternenfest noch heute jedes Jahr Ende August gefeiert.

Den Laternenumzug zum Tag des Heiligen Martin verbinde ich hingegen mit eisigen Füßen, einer gemächlich unter den Mantel kriechende Kälte, schrägem lautem Gesang und der Angst, das eigene Kind in der Dunkelheit aus den Augen zu verlieren. Und dem großen Feuer am Falkplatz mit Laiendarstellern auf echten Pferden, die die Geschichte um den mildtätigen Martin nachspielen.

Dieses Jahr bin ich ohne Kinder unterwegs, dafür mit Fotoapparat und frisch geborgtem Stativ. Ich staune, wie viele Menschen an den insgesamt drei Umzügen teilnehmen. Dabei ist Sonnabend und die kompletten Kindergartengruppen samt Elternschaft mit dem Umzug als Pflichtprogramm fehlen.

Erstmals friere ich nicht und beobachte statt dessen entspannt die Szenerie. Inzwischen ist der Umzug professioneller geworden, an der Feierstelle gibt es zwei kleine Verkaufsstände und die Feuerwehr steht mit Licht und dickem Wagen einsatzbereit daneben. Die Feuerstelle ist abgesperrt. Das Bühnenprogramm wird immer wieder unterbrochen, um die Mama von Emil oder Clara auszurufen. Alle finden sich, keiner geht verloren. So nehme ich diese Bilder in mein persönliches Herbstleuchten auf.

 

Euch allen eine wundervolle Woche!

 

I told you how to change the world

20170703_Marx
Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

 

BewohnerInnen von Städten werden das Phänomen der als-Flaschenammelnde-meist-ältere-Menschen-sichtbaren Armut zur Genüge kennen und ich habe auf diesem Blog mehrfach erzählt, dass ich aus meinem Fenster direkt auf die Mülltonnen blicken kann und somit fast täglich mit diesem traurigen Anblick konfrontiert werde.

Ob nun Marx damals DIE richtige Antwort auf die auch damals schon heiß lodernde soziale Frage wusste, kann und soll in diesem Rahmen nicht beurteilt werden. Mit dem festen Vorhaben, es Kapitel für Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten, habe ich mir vor vielen Jahren „Das Kapital“ gekauft, muss aber zugeben, dass es neben anderen un- oder halb gelesenen Büchern noch immer im Regal auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit wartet.

Immerhin, das Kommunistische Manifest las ich erstmals vor knapp dreißig Jahren:  als Siebentklässlerin habe ich im Nachwendejahr einen gewiss naiven Schulvortrag (frei gewählt) gehalten, in dem ich mich – hochernst! – mit der Frage beschäftigte, warum wohl der Sozialismus gescheitert sei. Ein Thema, das vielleicht nicht unbedingt typisch für ein Mädchen meines Alters ist, mich aber damals arg umtrieb. Als mein großer, kluger, belesener und von mir immer geschätzter, bewunderter und verehrter großer Bruder von dem Thema hörte, drückte er mir wortlos jenes kleine Büchlein in die Hand. Ich habe es gelesen, ernsthaft, mehrfach, und daraus zitiert – schon allein meines Bruders wegen, um ihm zu gleichen, ihm zu gefallen. Was mir schon allein ob des Altersunterschieds und der dementsprechend fremden Welten, in denen wir lebten (und leben) nicht gelingen konnte; und ob ich das Manifest damals wirklich verstand, möchte ich bezweifeln. Aber später trug ich lange Jahre dieses kleine rote Büchlein in meiner Schultasche – zusammen mit Maxi Wanders „Guten Morgen Du Schöne“, das ich leider eines Tages auf unserem Schulhof liegen ließ.

 

 

20170703_Marx2
Streetart am Berliner Mauerpark, gefunden am 2. Juli 2017, Artist: marycula

Die Lösung

 

Zum kleinen Rätsel vom Ostermontag (hier) nun die Auflösung:

Die Blüte ist heute bereits geöffnet, und so dürften vielen von Euch klar sein, um welche blühfreudige Pflanze es sich hier handelt.

Wie spannend, so eine Blüte mal ganz von Nahem anzusehen.

 

20170418_Erdbeer40520170418_Erdbeer320170418_Erdbeer2

 

Läuft Euch auch das Wasser im Mund zusammen?

Ich freue mich jedenfalls auf die Erdbeerzeit, halte mich aber strikt von den Frühfrüchten aus dem Supermarkt fern, und warte darauf, dass aus dem elterlichen Schrebergarten etwas (nein! hoffentlich ganz viel ;-)) für mich abfällt. Auch wenn wir heute fast alles das ganze Jahr über kaufen können – wenigstens bei den Erdbeeren will ich es wie früher zu meiner Kinderzeit halten:

Damals wartete ich ungeduldig darauf, dass die Erdbeeren in unserem damaligen (als Selbstversorgergarten noch viel wichtigeren) Schrebergarten reif wurden. Dann machte ich mich – mit Kindervorzugsprivileg) fleißig-gierig über die Früchte her, bis ich Erdbeeren nur noch mit viel Zucker und Sahne ertragen konnte. Bis zu meinem Geburtstag Ende Juli war dann schon wieder so viel Zeit vergangen, dass ich mich über meinen traditionellen Geburtstagskuchen mit den restlichen Erdbeeren eigener Ernte, die meine Mutter eingefrostet hatte, wieder freute.

 

Story-Samstag – Die Kunst des Briefeschreibens

 

 

Es ist wieder Story-Samstag und Tante Tex hat dieses Mal zu Beiträgen zum Thema Handschrift eingeladen.

 

Das Thema ist mich angesprungen und hat sich mir in den Nacken gesetzt, saß dort so lange, bis ich Tante Tex ein paar kleine handschriftliche Zeilen geschrieben habe – nach allen Regeln der Schreibkunst, die mir als Kind beigebracht wurden. Dass der Inhalt fehlt, das sei geschenkt, denn hier geht es um Größeres: einen von Hand geschriebenen Brief.

20170307_Brief

 

Das sind die Bausteine zum Briefeschreiben, die mich mein Opa sehr nachhaltig gelehrt hat:

 

Datum oben rechts, höfliche Anrede, Ausrufezeichen. Bedanke Dich, Frage nach dem Befinden und erkläre Deines. Nun kannst Du zum Inhalt kommen. Achte auf Rechtschreibung, einen korrekten und ordentlichen Rand. Höfliche Abschiedsgrußformel. Es gibt eine Vorschrift und eine Reinschrift. Durchgestrichenes und Kleckse auf dem Papier verbieten sich.

 

Noch heute fällt es mir schwer, von diesem Muster abzuweichen – auch wenn ich keine Briefe, sondern E-Mails schreibe. Nur auf die Reinschrift habe ich schon früher (je nach AdressatIn) öfter verzichtet; auch weil ich Briefe gern spontan geschrieben habe, die dann – als Ausdruck des Gerade Jetzt, des Augenblicks, des unmittelbaren Empfindens sofort in einen Briefumschlag gesteckt werden mussten (manchmal aber tagelang in meiner Tasche wohnten, bis ich eine Briefmarke gegriffen und das Geschriebene in den Briefkasten gesteckt habe).

 

Mein erster richtiger Brief? War es in den Sommerferien nach der ersten Klasse? Ich hatte mich im Urlaub mit einem Mädchen angefreundet. Wir hatten Adressen ausgetauscht und sie schrieb mir als erste. Spontan wollte ich ihr sofort antworten – krakelig und mit Schreibfehlern, wie es sich für eine Erstklässlerin gehört. Authentisch. Als mein Opa das mitbekam, nahm er sich der Sache an. So könne man keinen Brief verschicken, nein, das ginge nicht! Er erklärte mir, wie ein „richtiger“, ein „ordentlicher“ Brief auszusehen hatte. Einen ganzen Tag lang feilten wir an diesem Brief. Mein Opa war streng, ihm missfiel dieses und jenes und er ließ mich den Brief nochmals und nochmals abschreiben, bis schließlich ein korrektes, aber sicher blutleeres und langweiliges Exemplar entstand, auf das ich niemals eine Antwort bekam.

 

Mein Opa meinte es damals von Herzen gut. Er konnte einfach nicht aus einer Lehrerhaut heraus, konnte nicht zulassen, dass seine geliebte Enkeltochter einen fehlerhaften hingeklierten Zettel abschickte. Perfektionismus, Du mein bester Freund, ick hör Dir trapsen! Und mein Inneres Monster jubelt laut, denn es erkennt in dieser Situation einen der falschen Glaubenssätze, von denen es sich bislang sehr gut ernährt hat: Was sollen denn die Leute denken, wenn die Enkelin solches Zeug loschickt.

 

Aber ich tue meinem Opa unrecht, wenn ich nicht auch erwähne, dass das Briefeschreiben für ihn ein hohes kulturelles Gut, ja eine Kunst war, die er mir nahebringen wollte. Dafür bin ich ihm wirklich dankbar. Ein Brief ist etwas besonderes, ist ein Geschenk und hat wenig mit dem heute in die Tasten gehauenen digitalen Schriftverkehr zu tun. Wir tippen ein paar Wörter, kürzen ab, nehmen uns kaum Zeit für Gruß und Danke. In Gedanken sind wir schon beim nächsten Projekt. Die eingegangene E-Mail wird überflogen und -vergessen.

 

Es ist höchst modern, die alten Zeiten zu betrauen und die Flüchtigkeit des digitalen Lebens zu bejammern. Doch lasst mich diesem Trend ein Weilchen noch von Herzen frönen. Wie schön ist es doch, einen echten Brief zu erhalten. Er ist etwas persönliches, auch gerade weil der Autor der Zeilen durch seine Handschrift so viel von sich preisgibt. Wie hat Zeilenende in seinem Themenbeitrag geschrieben: er fühle sich nun nackt, wo er uns LeserInnen seine Schriftprobe gezeigt habe.

 

Wer hat es noch nicht an sich beobachtet, dass je nach Seelenzustand auch das Schriftbild variiert. Wenn ich aufgewühlt bin, wird meine Schrift zeilengreifend groß. An manchen Tagen forme ich unbewusst so kleine runde dichtgedrängte Buchstaben, als wollten sie, genau wie die Schreiberin, so wenig wie möglich auffallen und unsichtbar werden.

 

Auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern fanden wir eine große Kiste voller Briefe vieler Familienmitglieder und einiger Freunde, beschrieben von deren Hand. Zeugnisse des damaligen Augenblicks. Was war das für ein geheimnisvoller Schatz! Ein Schatz, der – zugegeben – nicht sehr leicht zu heben ist. Denn Handschriftliches zu lesen macht oft Mühe. Die Zeilen lassen sich nicht eben  schnell mal überfliegen. Nein, sie verlangen: koch Dir einen Tee, setze Dich hin und lies mit Muße.

 

Meine Oma maß der Handschrift noch eine besondere Bedeutung bei. Der und der hat eine schöne Handschrift – das war bei ihr ein Lob, das die gesamte Persönlichkeit des Menschen betraf. Das wird sie weniger psychologisch gemeint haben. Wahrscheinlich assoziierte sie eine geübte gutgeformte Handschrift mit einem hohen Bildungsniveau, worauf sie, Lehrerin aus bildungsbürgerlichem Hause, durchaus Wert legte. Wer wenig schreibt, der kann nichts taugen, so wird sie vielleicht gedacht haben. Wer also Briefe mit ungelenker Handschrift schrieb, hatte bei ihr demzufolge einen schlechten Stand.

 

20170307_KlaueBG

 

Ich schrieb als Kind und als Erwachsene meiner Oma regelmäßig Briefe. Die Geduld für ein einheitlich sauberes Schriftbild hatte ich selten und ich hatte oft ein mulmiges Gefühl wegen meiner Krakelei. Ich habe mich nie getraut, sie zu fragen, was sie davon hielt.