Morgen ist auch noch ein Tag

Inspiration geholt + Thema verfehlt = Kurzgeschichte entstanden

Ich hatte Lust, mich beim Story-Samstag von Tante Tex zu beteiligen.

Um die vorgegebenen Wörter

  • Drehmoment
  • Revision
  • Vertreter
  • Ostpreußen
  • Konferenz

eine Geschichte zu entwickeln, hatte ich Lust. Aber das Thema Weihnachten reizte mich nun wieder ganz und überhaupt nicht.

Es entstand eine ganz und gar unweihnachtliche Kurzgeschichte, die einzig und allein die Tatsache, dass ich sie an Heiligabend verfasst und für die Audioversion vorgelesen habe, mit diesem Fest verbindet.

Trotz des „verfehlten Themas“ wage ich, die Erzählung hier zu präsentieren, bewusst allerdings erst heute und nicht bereits zum Fest, an dem viele von Euch doch wohl eher nach Frieden, Freude und Besinnlichkeit trachten.

Hier die Hörversion:

Morgen ist auch noch ein Tag

und hier nun die Geschichte in der klassischen Schriftform:

Morgen ist auch noch ein Tag

„Na, wie haben wir denn heute geschlafen?“, fragt mich Sabine, unsere Praktikantin auf Station. Sie erwartet keine Antwort, sondern schiebt mich viel zu schwungvoll aus dem Zimmer, rast mit mir über den Flur hinüber in den Essraum. Das Mädchen hat schlechte Laune, das rieche ich. Meiner Nase macht keiner was vor. Meine Augen tun’s nicht mehr, der Rücken ist krumm, die Beine schwach. Ohne Hörgerät verstehe ich nicht einmal mehr Bahnhof. Aber meine Nase ist so fein wie die eines Neugeborenen. Oft ist das mehr Fluch als Segen. Hier riecht’s nach alten Leuten, nach Pisse, Kotze und ungewasch’nen Achselhöhlen. Und nach dem Tod. Gestern hat’s den alten Udo erwischt. Hätt‘ ich nicht gedacht, dass der vor mir seinen Löffel abgibt, der alte Knoblauchfresser.

Im Speisesaal sitzen schon die anderen Alten, blicken trüb in ihre Schüsseln. Bombenstimmung ist hier, jeden Tag das Gleiche. Als ich laut und herzhaft rülpse, verzieht nur Irene ihren schmalen Mund – geboren in Ostpreußen, Exlehrerin für Deutsch und Mathe. Die alte Schreckschraube sieht aus, wie direkt aus dem Lexikon der Klischees entsprungen.

Sabine umkreist meinen Mund mit einem Löffel Grießbrei. Ich presse die Lippen fest und beharrlich aufeinander. Pfui, diese süße Plörre! Soll sie das Zeug den anderen Alten in die Gusche stopfen; die sind dement und haben nachher diesen Fraß schon wieder vergessen. Das Mädel lässt nicht locker, stochert mit ihrem Ekellöffel zwischen meinen Lippen herum und glaubt, ich falle darauf rein und mache brav den Mund auf. Vergiss es, ich werd‘ Dir was husten! Ich hole tief Luft und puste die Pampe in ihr sorgfältig geschminktes Gesicht.

Als ich wieder aufwache, sitzt Lisa, meine Lieblingsenkeltochter neben meinem Bett und tippt mit wichtiger Miene irgendetwas in ihr Smartphone. Ich beobachte sie heimlich von der Seite.

„Opi, was machst`n Du für Sachen?“, fragt sie mich, als sie es bemerkt. Dann steht sie auf, haucht mir einen Kuss auf die Wange und schwebt zur Tür. „Der Doktor hat dir eine Spritze gegeben und ab morgen kriegst Du neue Pillen, sagt die Schwester. Du warst wohl irgendwie … naja …“ Sie verstummt und schaut zu Boden. Es ist ihr wohl peinlich, darüber zu sprechen. Auch ich habe keine Lust dazu. Meine Handgelenke schmerzen noch ein wenig – Sabine hat einen beherzten Griff – und die Spritze macht nicht nur meinen Geist und meinen Körper, sondern auch meine Zunge träge. Wohlig träge!

„Mutti kann erst morgen Abend kommen, sie ist auf einer Konferenz in Prag. Und ich muss lernen, hab am Freitag Prüfung. Über die Messung und Berechnung des Drehmoments am Beispiel des Elektromotors. Ist superwichtig, weißt Du? Hab dich lieb, Opi. Ich komme am Sonntag um drei und stelle Dir Henry vor. Kuss Kuss!“ zwischert sie und fliegt davon.

Wozu das alles, dieses Leben. Nur weil ich alt bin und nicht mehr selber laufen kann, nimmt mich niemand ernst. Der Arzt ist ein junger Spund, noch grün hinter den Ohren und hält mir Vorträge, wie ich mich zu benehmen habe. Ich könnte mich beschweren – über alles hier. Über den Fraß, über die Von-Oben-Herab-Behandlung und das Ruhigstellen. Über die kleinen Zimmer mit den dünnen Wänden, durch die man nachts das Jammern der anderen hören kann. Aber was soll’s? Wird sich etwas ändern? Nein! Es kommt eine Revision, natürlich nach Vorankündigung. Ein Vertreter der Rentenversicherung geht durchs Haus und macht Notizen. Die Überprüfung wird ergeben, dass alles nach Vorschrift läuft und weiter geht’s im alten Trott.

Bis ich eines schönen Tages meine letzte Reise antrete. Die Leichenträger kommen nachts, um die anderen zu schonen. Raus geht`s durch den Hintereingang und ab in den schwarzen Wagen. Meine Sachen werden in Mülltüten gestopft und meiner heulenden Tochter in die Hand gedrückt. Ich fühle, dieser Tag ist nicht mehr fern.

Bis dahin aber mache ich die Augen zu und träume von früher. Morgen ist auch noch ein Tag.

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Zusammenringeln wie eine Katze …


Zusammenringeln wie eine Katze möcht ich mich. Weg sein, weg, fort und unaufspürbar. Auch weg von mir, von diesem Kern in mir, der mir so fremd ist, dass ich keinen Zugang zu ihm finde. Fest verschlossen ist mein Ich, das nur zum Vorschein kommt, wenn das Innere Kind in mir bockig ist. Dann habe ich Lust, Bauklötze durch die Luft zu schmeißen. Den Tisch umzuschmeißen, die Stühle. Alles mit nur einem Wisch zu zerstören. Und noch nachzutreten. Die Arme verschränkt, ausnahmsweise mal erhobenen Blickes fest in die Runde schauen: SEHT IHR? SO NÄMLICH BIN ICH. GANZ SCHÖN SCHEISSE, WAS?

Nadelstiche in der Brust wollen mich zu Boden reißen. Wälzen will ich mich da. Warum nur tue ich’a nicht? 

Blöde Vernunft, jeden Spaß verderbend. Ach, wenn es doch Spaß wäre …
Ich will offene Wunden bestreuen mit Salz. Das sieht niemand, merkt niemand, niemand schickt mich zurück in die Hölle der Station 1. Hyperscharfe Chilischoten zu kauen ist sogar offiziell erlaubt, um sich abzulenken. So steht es auf der „Skillsliste“. Dann spür‘ ich vielleicht mal was anderes als dieses Monster in mir. Dieser ewige Flunsch, den das Monster in mein Gesicht malt und dann die Hände fesselt, damit ich ihn nicht wegwischen kann. Alles ödet mich an. Ich würde mich auch nicht zu mir an den Tisch setzen. Ich ziehe bestimmt eine Fresse, dass es zum Fürchten ist. Tavor und Schmerzmittel haben auch keine Lust mir zu helfen.
Die Zeit drängt. Ich muss doch mal langsam einen Plan bekommen, wie es nach der Klinik weitergehen soll? Wie kann ich mein Leben fristen, ohne ständig daran denken zu müssen, dass es auch beenden könnte. Irgendetwas muss doch auch für mich zu tun sein, wo ich nicht nur nehmen muss, sondern auch geben kann. Ohne dass ich ständig zusammenbreche, ohne diese Nadelstiche, die mein Herz zerstören, narbig und hart machen.
Höhnisch schaut die Sonne zum Fenster herein.
Ja, ja, ja. Ich bin ja nun depressionserfahren genug, dass ich weiß, dass die Welt für mich morgen, übermorgen, nächste Woche wieder besser aussehen kann. Da hab‘ ich ja was, auf was ich mich freuen kann.

So lange gucke ich mir niedliche Katzenbilder an.