Weiße Blüten und Genusstraining

 

Bereits vor einer Woche hat mich ein kleiner Strauch mit seinen fliederähnlich duftenden Blüten in den Bann gezogen. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie er heißt; vielleicht ist das aber auch egal. Als wir in der Klinik beim Genusstraining immer sofort herausfinden wollten, was wir denn da rochen, sahen, hörten, als wir analysierten, werteten und kategorisierten, versuchte unsere Therapeutin immer wieder uns in unserem Eifer zu bremsen: Nehmen Sie doch „einfach nur wahr“, ohne gleich zu werten und zu hinterfragen. Einach im Moment leben.

Der rätselhafte Strauch steht im Humboldthain, neben dem erst kürzlich errichteten Gedenkstein für dessen Namensvater, der wohl in Vorbereitung auf die IGA Berlin, die diesjährige Internationale Gartenausstellung, errichtet wurde.

Falls Ihr übrigens Ideen habt, um welchen Strauch es sich handelt: über eine Lösung des Rätsels wäre ich nicht erbost 😉

 

 

 

 

Advertisements

Rückblickend hinein in die Zukunft

Im der letzten Woche ist in mir und mit mir so unendlich viel vorgegangen, dass ich fast das Gefühl habe, ich sei heute ein anderer Mensch. Der Vorhang, der so lange um mich herum hing, ist gefallen und es gelingt mir immer besser, mit anderen Menschen zu sprechen – zumindest mit meinen Mitpatienten hier, die ich die letzten Wochen ja kennengelernt und vor denen ich die Angst verloren habe. Das ist nicht nur für mich, sondern auch für andere spürbar, die mir das die letzen Tage auch so gesagt haben. Manchmal bin ich geradezu leutselig …

Es ist nicht so, dass es mir nun leicht fällt, mit anderen zu sprechen – es bleibt eine Hürde und es gibt auch darüber hinaus noch viel zu tun. Schmerzen erinnern mich täglich daran, dass ich noch immer krank bin. Auch weiß ich, dass Rückschläge kommen können, ja dass sie kommen werden und sogar vollkommen normal sind. Wichtig ist, dass ich mir mein momentanes positives Gefühl „einpacke“ und die Erinnerung daran für schlechte Zeiten aufbewahre.

Ich wieder mit einem gewissen Optimismus in die Zukunft. Es ist schon allein eine riesige Erleichterung, dass ich weiß, dass ich immer noch „kommunikationsfähig“ bin. Das ist ja auch wichtig für eine Reintegration ins Arbeitsleben.

Rückblickend kann ich sagen, dass mir die Zeit hier in der Klinik sehr geholfen hat. Zwar war der Anfang sehr schwierig, da ich ja auf der falschen Station gelandet war, die mir eher sogar geschadet hat. Ich hatte ja damals – es kommt mir so viele Jahre her vor – darüber geschrieben. Aber davon abgesehen bereue ich meinen Entschluss, in die Klinik zu gehen, nicht und würde auch niemandem sonst davon abraten, sich in stationäre Therapie zu begeben, wenn eine ambulante Behandlung nicht anschlägt.

Für mich beginnt morgen der nächste Schritt in ein „neues Leben“. Ich werde mein Klinikbett verlassen und die Nächte zu Hause verbringen. Aber tagsüber werde ich weiterhin an den Therapien teilnehmen können und müssen. Das macht für mich den Übergang vom stationären Aufenthalt zum selbstständigen Leben leichter, da sich tagsüber für mich zunächst wenig ändert und auch die gewohnten Pflegekräfte und die vertrauten Mitpatienten bleiben. Außerdem behalte ich ein Sicherheitsnetz – falls es mir wieder schlechter gehen sollte, könnte ich jederzeit wieder für ein paar Tage ganz hier aufgenommen werden. Ich kann nach vorn sehen, weil ich weiß, dass ich abgesichert bin.

Der vorletzte Klinikdienstag?

Heute war wieder Oberarzvisite – zu meiner Freude im kleinen Kreis mit nur drei Ärztinnen. Viel wurde nicht besprochen. Mein vorläufiger Entlassungstermin ist weiterhin der 8. Dezember, also übermorgen in einer Woche. Je näher dieser Tag rückt umso nervöser werde ich. Ähnliches habe ich auch bei Nelia gelesen; diese Zustände sind also relativ normal. So richtig kann ich mich ein „Leben nach der Klinik“ nicht vorstellen. Die Welt „außerhalb“ scheint mir fern und fremd. Aber den Klinikalltag habe ich ebenso satt und zähle die Tage bzw. Nächte, die ich noch hier verbringen werde.

Wie genau es nach der Klinik weitergeht, werde ich am Freitag dann mit meinem Psychotherapeuten besprechen. Meine Ergotherapeutin hat für die letzten Stunden hier eine Art „Belastungstraining“ vorgeschlagen, damit ich auf das Nachklinikleben besser vorbereitet bin und nicht als „emotionale Nacktschnecke“ dastehe. Da wegen Krankheitsvertretung aber einige Stunden ausfallen, bleibt nur wenig Zeit. Ich habe mir überlegt, eine Tasche zu schneidern, in der ich meine A3-Zeichenmappe transportieren kann. Morgen werde ich den Stoff dafür besorgen. Dazu muss ich in ein kleines Schneidergeschäft hineingehen, dort den Stoff aussuchen und zuschneiden lassen – das ist ja für mich schon die erste Hürde – je kleiner und familiärer das Geschäft und umso sichtbarer der Kunde ist, umso schwieriger ist es für mich. Große anonyme Kaufhäuser mag ich zwar auch nicht, fühle mich dort aber unsichtbarer und daher sicherer. Außerdem möchte ich noch einmal Wolle besorgen – meine neue Zimmernachbarin will Stricken lernen, darf aber gerade die Klinik nicht verlassen und ich habe ihr angeboten, entsprechende Wolle mitzubringen.

Anders als bei Nelia ist es in meiner Klinik nicht möglich, dass die Patienten am Wochenende zu Hause übernachten – das wird nur ausnahmsweise Eltern von sehr kleinen Kindern und den Müttern auf der Station mit ihren Babys gestattet. Vermutlich hat das vor allem finanzielle Gründe, denn wenn die Patienten außerhalb der Klinik übernachten, bekommt die  Klinik von den Krankenkassen kein Geld. Sogar für die Weihnachtfeiertage wird es keine Ausnahme und nur den für die Wochenenden üblichen Tagesausgang geben.

Tatarataa

Heute endlich habe ich es erstmals geschafft, am Dienstäglichen Gemeinschaftsabend teilzunehmen. 

Ich klopfe mir lobend auf die eigene Schulter.
Ich bin die Sache diesmal strategisch planvoll angegangen: so spät wie möglich zum Abendessen gekommen. Dann hatte ich Tischdienst und musste sowieso zurück in den Ess-/Gemeinschaftsraum, um die Tische abzuwischen; habe mich dann mit dem Häkelzeug unauffällig in eine Ecke gesetzt, bevor die anderen alle kamen. Als erste da sein hilft immer etwas. 

Zweiter Vorteil für mich: es haben relativ wenige Leute teilgenommen. Und – es wurde ein Spiel gespielt, das ich schon kannte und bei dem nicht zwingend viel und laut gesprochen werden musste. Einige von Euch werden „Werwolf“ kennen – da ist man als Mitspieler sowieso auch eine Art Schauspieler – ich musste also nicht „ich“ sein, sondern war eine Dorfbewohnerin, die (weil so verdächtig still war – aha ;-)) ohnehin fälschlicherweise rasch als Werwolf denunziert wurde und aus dem Spiel ausschied.

Ich denke mir noch etwas aus, womit ich mich dafür morgen belohne.

Und ewig grüßt … Dienstagsgedanken

Wahrscheinlich sollte ich milder mit mir umgehen. Nach den Aufregungen der letzten Woche war es ja doch eigentlich nicht allzu erstaunlich, dass es mir jetzt wieder schlechter geht. 

Ich habe heute in der Visite das abhängig machende Tavor gegen Atosil austauschen lassen, und die Dosis meines morgendlichen Antidepressivums wurde erhöht. Ohne einen medikamentös hergestellten halbwegs aufnahmefähigen Zustand bin ich auch zu keiner der hier angebotenen Therapien fähig.

Viele Patientinnen und Patienten aus meinen ersten Tagen hier sind nicht mehr da. Gruppen finden sich (neu) und ich gehöre zu denen, die außen stehen bzw. sitzen. Aber es gibt auch niemanden, mit dem ich wirklich großen Drang spüre, Freundschaft zu schließen und Small Talk ist nicht meine Sache – nochzumal wenn ich depressionsbedingt schlecht gelaunt bin und lachende Menschen als Zumutung empfinde.

Mein inneres Kind hat sich gerade eingebunkert, ich komme gefühlsmäßig einfach nicht an mein Inneres heran. Wenn ich doch weinen könnte. Ein klein wenig beneide ich manche Mitpatientinnen, die bei jeder Gelegenheit weinen können. Manchmal denke ich, ich hätte einen harten Stein in meiner Brust. Dann aber könnten doch die Nadelstiche der Depression nicht so schmerzen. 

Yin und Yang stehen bei mir in kompletter Dysharmonie. Sogar meine Körperhaltung ist krumm, wie soll denn da die Seele im Gleichgewicht sein. An den beiden Kätzchen will ich mir ein Beispiel nehmen. Liegen sie nicht in vollkommenem Frieden, in Ruhe, Eintracht und Gelassenheit?

 

Fortschreiten, immer voran

Müde bin ich immer noch. Zweifle gerade wieder an Sinn und Erfolg der Krankenhaustherapie. Gerade weil es zur Zeit gefühlt langsam voran geht, um nicht sogar von Rückschritten zu sprechen.

Heute hat mich wieder dieses Sprachtrotzmonster befallen. Während des Achtsamkeitsspaziergangs mit der eigentlich sympathischen Ergotherapeutin sprang dieses Monster in mich hinein, errichtete eine Mauer um mich, verschränkte die Arme und befahl: Nein.

Trotzdem weiß ich natürlich, dass ich keine Alternative zum Kämpfen habe. Mache weiter, schreite voran, vorwärts, wie gehabt; und hoffe, dass das Tal bald durchschritten ist.

Heute Nachmittag war ich sogar wieder kurz draußen (wegen Schmerzen hatte ich mich in letzter Zeit selten überwinden können), habe mir ein teures duftendes veganes Duschbad und ein schönes Körperöl zum Wohlfühlen gekauft, den Weißensee halb umrundet und dabei festgestellt, dass der Herbst mittlerweile ziemlich fortgeschritten ist.