Augenblicke: Lebensgier

Gestern.

Radelnd.

Von Schöneberg aus heimwärts.

Gedanken fahren Kettenkarussell.

Ich verzichte auf meinen gewohnten Halt im Tiergarten: Der Himmel hat sich zugezogen. Es dunkelt – hell am Tage. Die Wolken türmen sich.

Im Wedding dann gewinnt die Finsternis und Blitze zacken über Kränen. Ich fahre schneller, doch im nächsten Park packt mich die Panik: Der Wind nimmt Anlauf, färbt die Luft zu dickem gelben Nebel. Pollen färben die noch trock’ne Luft. Dann, ganz plötzlich, stürmt – orkant – es los und rüttelt an den Bäumen. Was morsch ist, hält nicht stand. Zweige fliegen durch die Luft, ein dicker Ast kracht gewaltig auf den Weg. Vor dem hätte mich auch mein Fahrradhelm nicht wirklich schützen können. Doch umkehren kann ich nicht, denn es knackt und knirscht auch hinter mir verdächtig. Vorwärts also, schnell, weiter durch den Park und bis zur sichren Straße.

Sekunden nur die Todesangst, doch die löst augenblicklich auch ein hohes Glücksgefühl aus:

LebensLUST,

ja, LebensGIER!

Ja, LEBEN möchte ich!

Nicht nur für die anderen, wie ich in dunklen Zeiten meine, mich durch Dasein quäle, nur um ihnen den Verlust, die Trauer und die immer off’ne Wunde zu ersparen.

Nein, mein Leben leben will ich auch für mich.

 

 

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Depressives Lesen

Wer depressive Phasen kennt, weiß, dass das Lesen oft nicht leicht fällt. Ich hatte auch vor einigen Tagen schon einmal über dieses Thema geschrieben. (Siehe hier:

https://agnesblogsite.wordpress.com/2016/10/24/buecherwahnsinn/

Oft frage ich mich, ob in dem Roman, den ich in den Händen halte, jemand sterben muss oder womöglich eine schwere Depression hat oder Gewalt erfährt. Bücher mit abruptem schlechtem Ende sind auch nicht gerade Balsam für meine Seele – obwohl mir rosarotes Happy-End-Getue auch ziemlich auf die Nerven geht. Umständlicher Satzbau macht mir ebenso zu schaffen, weil mit der Depression ja auch ein großer Teil der Konzentrationsfähigkeit verschwindet. Aber ein wenig Niveau und Denkanstöße sollte das Buch dennoch auch bieten, ein platter Arztroman macht mich nicht glücklich. Kann man es mir recht machen?

Marion Brasch kann. Sie hat mit „Wunderlich fährt nach Norden“ einen Roman geschrieben, der schön und leicht zu lesen ist und dabei dennoch Stil hat. Niemand kommt zu Schaden, trotzdem wird dem Leser keine Heile Welt vorgegaukelt. Phantasievoll wirft sie fast philosophische Lebensfragen auf. Ich würde nicht behaupten, dass sich ihr Roman einen Platz ganz oben in meinem Lesehimmel erobert hat, aber gerade für trübe Stunden und Depressionsgeplagte kann ich Braschs Buch empfehlen.

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Aus der Inhaltsbeschreibung des Verlags:
„Marion Braschs zweiter Roman: Ein heiteres Buch über einen Melancholiker, der den Moment zu lieben lernt.

»Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte.« Als Marie ihn verlässt, versinkt er in Selbstmitleid. Doch schon bald schubst ihn eine anonyme SMS zurück ins Leben, und Wunderlich tritt eine Reise an. Eine Reise, die vieles verändert und bei der nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
›Wunderlich fährt nach Norden‹ ist die Geschichte eines Mannes, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Auf seiner Fahrt wird Wunderlich zum Abenteurer. Doch vor allem entdeckt er, was er vergessen wollte, und findet, was er nicht gesucht hat.
Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an die sonderbaren Momente des Lebens – so leicht, komisch und berührend, wie uns diese Geschichte nur Marion Brasch erzählen kann.“
Roman
288 Seiten,
FISCHER Taschenbuch
ISBN 978-3-596-03037-8

 

Tipp:
Nutzt die Öffentlichen Bibliotheken, falls Euch zugänglich. Tauscht Bücher mit Freunden und Bekannten.
Und – falls irgend möglich, dann kauft im Buchladen Eures Vertrauens und nicht beim A-Giganten.

 

Hier eine Probe aus dem Hörbuch:

 

Marion Brasch ist übrigens langjährige Moderatorin beim Berliner Radiosender Radio eins. Beim Parkfest 2014 stellt sie ihren Roman vor: