Fliegen

Fliegen

 

Inzwischen ist es so, dass es für mich nicht mehr ganz so anstrengend ist, in den Räumen der Ergotherapiepraxis zu sein. Ich bin zweimal wöchentlich dort, jeweils zur selben Zeit und meist in Anwesenheit eines mir inzwischen bekannten (wenn auch nicht vertrauten) PatientInnen- und TherapeutInnenkreises.

 

Ich komme zur festgelegten Zeit, weiß inzwischen, wo die Materialien sind und ich bekomme meist ungefragt Hilfe beim Aufbau von Staffelei und Leinwand angeboten. Gelegenheit zum Training von Kommunikation ist dennoch. Psychische Krankheit geht ja nicht bei allen PatientInnen mit Schweigsamkeit einher. Ich wundere mich manchmal, welches Redebedürfnis die anderen KlientInnen der Praxis haben. Das ist auch eine Strategie in der Krankheitsbewältigung. Auf Smalltalk kann ich mich nicht einlassen und ich erzähle auch nichts von mir, aber meine Bilder laden MitpatientInnen zu regelmäßigen Fragen ein: warum dieses Motiv, warum die Farbe, ist das ein Selbstporträt, ein Spiegel, ein Wunschtraum? Inzwischen bringt mich das immerhin nicht mehr so ins Schleudern und ich ducke mich nicht mehr vor Angst, angesprochen werden zu können.

 

Das erste große Bild ist fertig. Ich habe es nicht abgemessen, aber es dürfte vielleicht zwei Meter breit sein. Damit ist es entschieden zu groß, um bei mir zu Hause Platz zu finden. Für mich schmeichelhafterweise freuen sich die Mitarbeiter der Praxis, mein Bild als Dauerleihgabe zu behalten und an prominenter Stelle – im regelmäßig frequentierten Durchgang und Raucherraum – aufzuhängen.

Für einen richtigen, endgültigen Titel konnte ich mich noch nicht entscheiden, „Fliegen“ ist die vorläufige Version.

 

 

 

Nun arbeite ich an einem weiteren großen Bild und ich bin so ergriffen vom Thema Wolf, dass für mich kein anderes Motiv in Frage kommt als ein einsamer Wolf in den Weiten der Steppe – – – was zugegebenermaßen reichlich Gelegenheit für Projektionen und Deutungen gibt.

Die Rohversion zeige ich hier schon einmal.

20170714_ERGOWolf64

 

Was das angesprochene Thema der „Ausstellung“ betrifft – ich setze das Wort bewusst in Gänsefüßchen, denn es ist nicht so hochtrabend „wichtig“, wie es klingt (fast komme ich mir vor wie eine Hochstaplerin):

Am 18. August wird das zweijährige Jubiläum der Praxis mit einem Tag der Offenen Tür gefeiert. In diesem Rahmen werden öffentlich Arbeiten gezeigt, die in der Ergotherapiepraxis entstanden sind. Ich darf und werde meine beiden großen Bilder zeigen, aber auch zu Hause entstandene Ölbilder und einige der Zeichnungen, die ich in der Klinik als Überlebensstrategie gezeichnet habe.

Ich kann Euch auch die vielen interessanten Werke der anderen ans Herz legen. In der Praxis tummeln sich hoch kreative und ausdrucksstarke Menschen. Falls jemand von den Ortsansässigen Interesse hat, beschreibe ich noch einmal, wann und wo genau Fest und „Ausstellung“ stattfinden werden.

Ein paar der Bilder hängen seit Freitag:

20170721_Bilder

 

 

 

 

Ölgemälde: Weggefährten

Meine zeichnerische Auseinandersetzung mit dem Thema Raben (siehe gestriger Beitrag) mündete heute darin, dass ich dieses Ölgemälde um diese fliegenden schwarzen Vögel ergänzte. Nun ist es – vorerst – fertig und trocknet.

Vielleicht ist es im August mal für einige Stunden öffentlich zu sehen. Aber darüber schreibe ich eines anderen Abends.

 

20170719_WeggefaehrtenBG

Weggefährten, Öl auf Leinwand, 40*50 cm, Juli 2017

Stillleben

Orangen, Stillleben, Öl auf Acryl, 30*24 cm  Leinwand auf Keilrahmen

Orangen, Stillleben, Öl auf Acryl, 30*24 cm Leinwand auf Keilrahmen

Als ich meine zwei allerbesten Busenfreundinnen im April fragte, ob und welches Bild von mir sie sich jeweils wünschen würden, zeigten beide auf zwei kleine Stillleben, Ölfarbe auf Leinwand. Naturgemäß wollten sie aber natürlich nicht diese, sondern zwei eigens für sie angefertigte Bilder. Sie sei gespannt, was ich mir für sie überlegen würde, meinte A, was meinen eigenen Antreiber und Leistungspeitscher nicht unbedingt besänftigte.

Nun hatte ich ja während meiner Klinikzeit und noch lange danach keine Gelegenheit und auch nicht die Kraft für die Ölmalerei – abgesehen davon, dass ich ja noch nicht so lange male und meine Erfahrungen mit diesen Farben sowieso recht spärlich waren. So hatte ich entsprechend große Hemmungen, diese Farben wieder zu benutzen. Aber vor ein paar Wochen ist der Knoten geplatzt und so stehe ich immer wieder an der Staffelei und probiere mich an Stilleben aus.

Das hier gezeigte Bild war das erste Nachklinikölstillleben. Die Früchte gefallen mir gut, aber der Teller war eine Herausforderung . Das liegt auch an der besonderen Schwierigkeit, die die Lichtverhältnisse der Wohnung und die Verderblichkeit des Obstes bei gleichzeitiger langer Arbeitsdauer an einem Bild mit sich bringen. Die Beleuchtung so zu arrangieren, dass die Schatten annähernd ähnlich fallen, erschien mir unmöglich, nochzumal ich die Orangen ständig aß und durch neue, etwas anders geformte, ersetzte, damit sie nicht schimmelten (was mir tatsächlich einmal passiert war).

Ein erstes Bild, von dem ich denke, dass es auf die eine der beiden passt, ist bereits fertig und da ich denke, dass es schade ist, dass ich es bald hergeben muss, ist es wohl ganz ansehnlich, wenn auch nicht „perfekt“ geworden. Ich zeige es hier jetzt aber noch nicht, um bei den beiden die Vorfreude und die Spannung nicht zu verderben.

Im Offenen Atelier

Im Offenen Atelier

 

Inzwischen habe ich einen Träger gefunden, der ein „Offenes Atelier“ im Rahmen der Ergotherapie anbietet – nur knapp fünfzehn Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt und ohne jegliche Krankenhaus- oder Gefängnisatmosphäre (siehe hier). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheinen nach meinem erstem Eindruck wirklich mit dem Herzen bei der Arbeit zu sein und es gibt ausführliche Einzelgespräche, in denen für jedeN PatientIn das genau passende Therapieprogramm ausgewählt wird.

Für mich geht es ja weniger darum, dass ich Anleitung für eine „sinnvolle“ Beschäftigung brauche. Ich habe mich, glaube ich, (fast?) noch nie in meinem Leben gelangweilt und jetzt, zu Hause, zeichne, male, schreibe, fotografiere, spaziere und lese ich in genau dem begrenzten Umfang, den mir Körper und Seele gestatten. Mein persönliches Ziel ist es, mit Hilfe einer Beschäftigung die Gegenwart von und die Interaktion mit Menschen zu trainieren. So sehr ich es mir manchmal wünsche, mein Leben als Einsiedlerin gestalten zu können – das ist schon allein wegen meiner Familie nicht möglich und auch der eigenständige Broterwerb, den ich selbstredend wieder anstrebe, setzt voraus, dass ich mich unter Menschen aufhalten kann, ohne dass der damit verbundene außerordentliche Stress einen erneuten Krankheitsschub auslöst.

Ich habe bisher erst einige Male im Offenen Atelier gearbeitet – für mich ist es schon allein eine Herausforderung, mit den neuen Räumen und den verschiedenen MitarbeiterInnen halbwegs vertraut zu werden. Ich musste fragen, wo Leinwände sind, Pinsel, Farben, ob ich eine Staffelei haben kann, wo ich mich platzieren kann und vieles mehr.

Die Regel ist es aber, dass die PatientInnen hier an verschiedenen Gruppenangeboten teilnehmen, z.B.  Holzbearbeitung, Rahmenbau, Upcycling, Siebdruck; es gibt aber auch eine Theatergruppe, die mich ganz besonders reizt und sogar eine Redaktion, die eine eigene kleine Zeitung herausgibt. Da haben meine Ohren natürlich freudvoll geklingelt und ich muss mich mahnen, nicht gleich wieder alles zu überstürzen und zu viel auf einmal zu wollen, mich Schritt für Schritt an zusätzliche Belastung heranzutasten. Wie schnell ich stürzen und wieder „von vorn beginnen“ kann, habe ich in den letzten mehr als drei Jahren mehrfach erlebt.

Ich darf gerade eine riesige Leinwand bearbeiten und mich entsprechend austoben – meiner Schätzung nach ist sie etwa zweieinhalb mal ein Meter groß, aber ich habe sie nicht ausgemessen. Es stehen große Töpfe Gouache-Wasserfarben zur freien Verfügung. Zunächst war ich etwas unentschlossen ob der riesigen malerischen Möglichkeiten, die sich mir plötzlich darboten und fühlte mich sowieso in der fremden, einem Teil von mir gefährlich scheinenden Umgebung, gehemmt und gefesselt. Also überwand ich mich, die Mitarbeiterin noch nach einem Stück Kohle zu fragen, und schloss dann die Augen wie bei unserem Blindzeichenprojekt. Ich umriss mein Profil, wie ich es vor meinem inneren Auge sah und zog weitere Linien, die sich, nachdem ich wieder sah, zu einem fliegenden Drachen (symbolisch für einen Teil meiner Selbst) über Berglandschaft formte.

Das hier gezeigte Foto zeigt einen Teil des Bildes zu Beginn der letzten Therapiestunde. Weitere Fotos konnte ich nicht machen, weil mein Handy behauptete, keinen Speicherplatz mehr zu haben und ich lieber malen wollte als mich um das Telefon zu kümmern. Manche Kohlestriche seht hier noch durchschimmern. Die Farbe des Himmels hat sich inzwischen verändert und die Körperform des Drachens ebenfalls, was Ihr auf diesem Ausschnitt ohnehin nicht sehen könnt. Er ist inzwischen weniger behäbig, dafür beweglicher und schneller geworden.

Ich selbst bin sehr gespannt, morgen meine Leinwand wiederzusehen. Zu Hause habe ich die Bilder, an denen ich zeichne oder male, immer in Sichtweite und so ist es für mich ein merkwürdiges Gefühl, vom eigenen Bild für so viele Tage getrennt zu sein.

 

20170630_ErgoBG

Hoffnungsschimmer

 

 

Hoffnung, Öl, Keilrahnen/Leinwand (24*30 cm), (C) Agnes Podczeck

Hoffnung, Öl, Keilrahnen/Leinwand (24*30 cm), (C) Agnes Podczeck

 

 

Diese kleine Leinwand auf Keilrahmen hatte ich vor etwa einem Jahr mit Ölfarben bemalt, war jedoch mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

Vor ein paar Tagen hatte ich noch ein paar Ölfarbreste auf der Palette und bekam den Impuls, dieses Bild zu übermalen. Eigentlich sollte es nur eine erste neue Grundierung werden, aber irgendwie gefielen mir die Farben, die sich da wie von selbst auf der Leinwand zusammen mischten, denn sie stehen für meine momentane Seelenlage: nicht mehr ganz farblos, dunkel schwarz, aber auch nicht leuchtend bunt. Es scheint der Nebel sich zu lichten und ein Hoffnungsschimmer zeigt sich. Vielleicht schmilzt auch bald das Eis.