Fernweh

ArchivBaum
karger Baum in weiter Steppe, bei Karaganda in Kasachstan

 

Ich habe mich in Erinnerungen verloren, als ich zufällig auf dieses alte Foto stieß, das ich vor genau zwölf Jahren machte. Es war mir nie besonders ans Herz gewachsen und andere Fotos, die damals in der kasachischen Steppe entstanden, hielt ich für schöner, besser, aussagekräftiger. Aber heute habe ich es als Bildschirmhintergrund installiert und kann mich nicht sattsehen. Wenn Du magst, Myriade, kannst Du das gern als meinen Beitrag zum Thema Weite für Dein Fotoprojekt nehmen.

Interpretiert die Motivwahl wie ihr wollt – kahler Baum, weites verdorrtes Land, gleißende Sonne – in mir hat dieses Bild ein hoch loderndes Fernweh entzündet, das schmerzt. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich die Steppe so lange nicht wiedersehen würde. Weite Fläche, Kilometer weit und breit kein Mensch. Ein aufregendes, befriedigendes und auch beängstigendes Gefühl der Wahrhaftigkeit des Daseins, das ich zuvor und auch danach nie wieder so nie gespürt habe.

Das Leben spüren! Der Kitzel der Gefahr. Die falsche Richtung eingeschlagen und der Weg zurück bleibt dem Fremden für immer verborgen.

 

Das unten verlinkte Lied besingt eigentlich eine Region, die noch einmal eintausend Kilometer westlich liegt. Aber die Melodie, die Klänge bewegen mein Herz und die Landschaft ist so wundervoll, dass ich tatsächlich in Tränen ausbrach, als ich es heute seit langem mal wieder hörte.

 

 

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In Pankow zur Fête de la Musique

 

Das war er also, der längste Tag des Jahres, Sommeranfang, Sommersonnenwende. Von nun an werden die Nächte wieder länger und länger … und länger.

In Berlin wie auch in vielen anderen Städten Europas wurde gestern wieder das Fest der Musik gefeiert, die Fête de la Musique, bei dem überall in der Stadt Musiker für lau auftreten. Überall?? Trügt mich mein Gedächtnis, wenn ich mich sehe, wie ich vor einer Dekade und noch früher an diesem Tag scheinbar ziellos durch den Kiez laufen und an vielen Straßenecken einzelne Musiker und ganze Bands hören konnte? Das gestrige Programm schien mir da vergleichsweise übersichtlich.

Die vergangenen Jahre, versunken in Arbeit oder Depression, hatte ich von der Fête de la Musique nichts mitbekommen. Derzeit bin ich ja aber mal wieder dabei, ein wenig aus meinem Schneckenhaus herauszuluken und ich war ja auch schon, mich selbst überschlagend, auf der Sternfahrt, der großen Fahrraddemo des ADFC. Gestern aber wollte ich die Trumpfkarte ausspielen, und wenigstens ein Quäntchen Open Air Konzertluft schnuppern.

Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich mich dann tatsächlich auf mein Fahrrad setzte und zuerst nach Weissensee fuhr und von dort nach Pankow, wo W und ich tatsächlich einen sehr angenehmen Ort fanden, um den Abend zu verbringen. Um uns herum in etwa Gleichaltrige – junggebliebene Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von etwa vierzig Jahren samt ihrer Kinderschar. Die ganze Szene hatte durchaus etwas von einem gelungenen Familienausflug. Wir fanden einen guten Platz auf dem Rasen – mittendrin und doch gefühlt am Rand, wo wir unsere Picknickdecke aufschlugen und uns einrichteten.

Die erste Band, die wir hörten, war niedlich jung. Die zweite Band war ebenso alt oder eher jung ( 😉 ) wie wir, das Publikum, und hatte viel Spaß, was sich auf uns Zuhörer übertrug. Die dritte Band war noch ein wenig älter, virtuose Jazzfunker, die ihr Handwerk verstanden. Mit ihnen trat übrigens die einzige Frau auf – bezeichnenderweise klassisch mit — Gesang. Musikerinnen, Frauen, wo seid ihr hin?

Der Schlussakt, CASH GROUP, brillierte dann mit ziemlich witzig-gutem anarcho-pop (für die, die es interessiert, hier der Link zu ein paar Beispielsongs) und war durchaus mitreißend. Die letzten zehn Minuten konnte mich W sogar motivierten aufzustehen und ein Stück näher an der Bühne mitzuwippen.

Mein Krückstock oder Brandungsfels waren W sowie mein Zeichenblock. Das Kritzeln gibt mir immer mehr Sicherheit, ein Paradoxon, wie ich weiß, macht es doch alles andere als unsichtbar, mit dem Zeichenstift in der Menge zu sitzen. Mir soll das aber recht und lieb sein, so habe ich mir und Euch von gestern ein paar Kritzeleien von Publikum und Bühne mitbringen können.

 

 

 

Schwarzer Humor

Für die Liebhaber des schwarzen Humors unter Euch ein Song von Funny van Dannen, der mir durch meine dunklen trüben Tage hilft.

In letzter Zeit höre ich dieses Lied oft auf dem Weg in die Tagesklinik. Mit Sarkasmus lässt sich die Welt für mich einfacher ertragen.

 

 

 

 

 

 

Funny Thursday

Schon in den Neunzigern hatte ich einiges von Funny van Dannen gehört, mir aber nie ein Album von ihm zugelegt. Diese Woche habe ich ihn wieder für mich neu entdeckt und sein sarkastisch-traurig-beißender und kluger Humor bessert meine Stimmung merklich. Somit kann ich mein neues Funny van Dannen Album feierlich in meine Skillsliste mit aufnehmen.

Bei dem unten verlinkten Song habe ich beim ersten Hören Tränen gelacht – der Trauer, Wut, Selbstironie, aber voller Optimismus und Lebenswillen.

Startet gut in den neuen Tag!

Immer die Andern …

Ich wechsele nun täglich zwischen zwei Welten – der Umgebung zu Hause, an die ich mich erst langsam wieder gewöhnen muss und meiner inzwischen vertrauten Station in der Klinik. Normalerweise bin ich zu jeder Jahreszeit mit dem Fahrrad unterwegs. Das geht in Berlin oft am schnellsten, verursacht keine zusätzlichen Kosten und erspart so manchen Stress im Berufsverkehr. Nun aber habe ich mir für den Fahrtweg von und zur Klinik ich ein Monatsticket der Verkehrsbetriebe gegönnt. Das eröffnet völlig neue Perspektiven auf die Stadt und ihre Bewohner, die sich morgens schlechtgelaunt in der Straßenbahn tummeln. Damit ich den Weg gut überstehe, schotte ich mich mit Musik auf den Ohren ab. Auf Dauer ist das wohl schlecht für die Ohren, die nun laut beschallt werden, um den Straßenlärm zu übertönen. Aber der Seele tut es gut – gibt es etwas besseres als mit guter Musik in den Tag zu starten?