Agnes guckt in den Spiegel und hört menschenverachtende Untergrundmusik

 

Jener, „Der“ Tag, an dem ich in den Spiegel sah, endete in keiner Katastrophe, bedeutete vielmehr Stärkung und einen symbolischen Neuanfang, wollte aber aufgrund anderer Umstände so gar nicht gefeiert werden. Das Leben nimmt halt manchmal einen Lauf, der sich nur mit Fäkalsprache angemessen beschreiben ließe. Ein einfaches „Scheiße“ reicht da nicht.

 

Habt Ihr auch manchmal das Gefühl, zu lieb, zu nett, zu duldsam zu sein? Und das dies oft nur noch einen weiteren Tritt in den Allerwertesten einbringt? Nein, ich will kein böser Mensch werden, aber ich will in manchen Situationen aufstehen können und sagen (oder schreiben): So nicht! Ich fange jetzt damit an.

Ich werde wohl dennoch auf ewig das bleiben, was manche als Gutmensch verlachen und verachten: Die, die immer darauf hofft, dass sich das Gute im Menschen zeigt, was konträr zu ihrem pessimistischen Blick auf den katastrophalen Zustand unserer Gesellschaft steht. Aber wenn ich so abwäge, bin ich froh, dass Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitiger Lebensgier und Lust (auch das nur ein scheinbarer Widerspruch) in mir einen so großen Raum haben, dass die Verbitterung noch keinen Platz gefunden hat. Und ihr, der Verbitterung, werde ich auch nie nie niemals Zutritt zu meinem Herzen gewähren.

Das verspreche ich mir.

Was hilft?

Nun, Funny von Dannen hört „Menschenverachtende Untergrundmusik“. Hat durchaus was befreiendes. Wenn Ihr auch laut mitgrölen wollt, findet Ihr z.B. >>hier<< den Songtext.

 

 

 

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Kreativitätsexplosion

 

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Daumen hoch dem Spiegelbild, Feder und Pinsel, Tusche, Acrylfarbe (Titanweiß), © Agnes Podczeck 08.11.2017

 

Federnden Schrittes flog ich heute zur Ergotherapie. Ja, einen Teil der Last habe ich wirklich zu Hause lassen können.

Im Offenen Atelier gesellte ich mich dann zur Morgenbesprechung der kleinen Zeichengruppe, der ich sonst immer fern geblieben war. Deutete dort erstmals etwas von den Ängsten der letzten Wochen, ach Monate, an! Das Teilen tat wohl. Sodann noch eine Überraschung. Vorige Woche hatte ich in der Praxis einen Zettel ausgehängt, ob jemand am gemeinsamen Portraitzeichnen Interesse hat. Mit Resonanz hatte ich nicht gerechnet, doch ich wurde vom Gegenteil überrascht.

Wir sind, bisher, zu zweit und ich musste mal wieder feststellen, was sich mir beim Musizieren auch schon immer bewiesen hat: Alleine rummosern ist gut und erfüllend; aber verschiedene Köpfe können sich gegenseitig zu einer Kreativitätsexplosion inspirieren, bei der ein Gedanke den nächsten beflügelt.

Wir basteln uns erst einmal Gipsabdrücke von unseren Händen und Köpfen, so haben wir vollkommen unbewegliche Modelle, die mit Mützen, Schals und Perücken frei variabel veränderlich sind und wir können gleichzeitig und am gleichen Motiv arbeiten. Später dann geht es an echte Menschen. Für mich heißt das: reden, sich absprechen, auf andere einstellen. Wahrscheinlich auch einiges erklären, weil ich ja nun schon ein wenig erfahren bin im Portraitzeichnen. Aber heute war das für mich gar nicht schlimm – vielleicht auch, weil mein Gegenüber psychisch ebenso wie ich sehr „angeschlagen“ ist und Kontaktängste und Redeschwierigkeiten sehr wohl selbst zu kennen scheint, nicht zu schnell und nicht zu laut spricht. Die Zusammenarbeit war nicht nur „nicht schlimm“, sondern sogar recht lustig, als wir die Kindergartenkinder mit dem Gips zu hantierten.

Zu Hause dann noch eine zeichnerische Spielerei, das Spiegelbild aufs Papier gebracht und doch nicht wirklich ein Selbstportrait.

 

 

Die Sauerstoffmaske

 

Ein kleiner Beitrag „zwischendurch“, denn vorhin habe ich bei Nina (hier) folgendes gelesen:

„Auch, wenn ich oft nicht daran glaube, es verdient zu haben, werde ich immerhin besser darin, auf mich aufzupassen – dabei trickse ich mich selbst aus, indem ich an Flugzeuge denke: Dort sagen sie nämlich immer, man muss sich unbedingt selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen hilft und das heißt umgelegt auf mein Leben, dass ich nur eine gute Partnerin/Freundin/Angestellte sein kann, wenn ich ein Mindestmaß an Selbstfürsorge hinkriege.“

Auch ich und sicher viele von Euch, liebe Leserinnen und Leser, habe ein großes Problem mit der Selbstfürsorge – wir sind zu Bescheidenheit erzogen, dazu uns selbst zurückzunehmen, alle eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Eigenlob stinkt, haben viele von uns gelernt; an sich selbst zu denken bedeutet schändlichsten und abgrundtief abzulehnenden Egoismus.

Ich versuche, mir mein schlechtes Gewissen, weil ich gerade mich und meine Bedürfnisse, meine Heilung in den Vordergrund stelle, immer wieder auszureden, aber oft ist es schwer. An Tagen, an denen es mir schlecht geht, fühle ich mich für meinen angeblichen Egoismus ausreichend bestraft. Aber an Tagen, an denen es mir besser geht, kommen die Selbstvorwürfe aus der Erde, wie die Regenwürmer nach einem Regenguss. Da ist Ninas Gleichnis großartig, um mir wieder und wieder und wieder zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, an mich selbst zu denken; eben damit ich später auch wieder die Kraft habe, mich für andere einzusetzen (wobei ich lernen muss, auch dann noch auch an mein eigenes Befinden, meinen Krafthaushalt, meine eigenen Bedürfnisse zu denken).

Kältehilfe und die Mitte der Gesellschaft

Der März geht zu Ende und damit endet auch die Berliner Kältehilfe, ein gemeinsames Projekt von Senat, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen, um in den kalten Wintermonaten wohnungslosen Menschen zusätzliche Notübernachtungsplätze und Hilfsangebote zur Verfügung zu stellen.

 

Leider verschwinden mit dem Winter  die Probleme der Menschen nicht. Einem Bericht des rbb zufolge richten sich Obdachlose vor dem Auslaufen der Kältehilfe wieder zahlreiche Lager in der Stadt ein. Es gäbe regelrecht einen „Kampf um die Plätze“, so wird ein Mitarbeiter der Stadtmission zitiert.

 

Auch der Schlafplatz unter der Schivelbeiner Brücke zwischen Mauerpark und Bornholmer Straße, der zwischenzeitlich – sei es freiwillig, sei es aus Zwang – geräumt worden war, ist heute wieder belegt,

 

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Schivelbeiner Brücke, Prenzlauer Berg Berlin, 31.03.2017

 

Ein Ausbau ganzjähriger Übernachtungs- und Hilfsangebote tut dringend Not, nochzumal die Zahl psychisch und physisch kranker Betroffener spürbar zugenommen hat. Wobei eine wirksame Hilfe bereits viel früher einsetzen muss – bevor Menschen ihre Wohnung verlieren.

Dass das soziale Netz in Deutschland erhebliche Lücken aufweist, mag den meisten Menschen auf den oberflächlichen Blick nicht bewusst sein, wird doch gern das Sozialsystem als angebliche Hängematte denunziert. Doch in diesem Winter habe ich leider auch selbst erleben müssen, dass Jobcenter, Sozialämter und andere Behörden mit Anträgen Hilfsbedürftiger Pingpong spielen. Solange es keine allen Menschen gleichermaßen zustehende wenigstens minimale Grundsicherung gibt, dürfte sich an diesem Zuständigkeitspoker wohl nur schwer etwas ändern lassen. Wer keine Freunde oder Verwandte hat, die über einen längeren Zeitraum die Mietzahlungen übernehmen können oder wer durch psychische Krankheit oder Sucht nicht in der Lage ist, gegen ablehnende Bescheide vorzugehen, dem ist wohl wenig so gewiss wie der Verlust der eigenen vier Wände.

 

Die nicht gerade für linke Propaganda bekannte Berliner Morgenpost macht auf eine ungemütliche neue Entwicklung aufmerksam und zitiert Caritas-Direktorin Ulrike Kostka: „Obdachlosigkeit sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es seien auch Menschen betroffen, die sich ihre Wohnung wegen steigender Mieten nicht mehr leisten können.“

Eine bedenkliche Entwicklung, die auch und gerade Bauprojekte wie das der Groth-Gruppe am Berliner Mauerpark mitnichten bremsen werden.

 

 

https://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2017/03/kaeltehilfe-berlin-bilanz.html

http://www.taz.de/!5393582/

http://www.morgenpost.de/berlin/article210108423/Berliner-Kaeltehilfe-bot-so-viele-Schlafplaetze-wie-nie-zuvor.html

https://www.caritas-berlin.de/presse/pressemitteilungen/berliner-kaeltehilfe-zieht-bilanz-1b741b6d-9c8e-4d05-96b6-8ca1aa30ea0b

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/obdachlose–ausreichend-schlafplaetze–medizinische-defizite-26281298

https://www.berlin.de/sen/soziales/themen/wohnungslose/

 

 

 

Zwänge

Ach, wenn ich nur früher schon gewusst hätte, dass „das Kind einen Namen hat“, dass es eine „normale Krankheit“ ist, die ich habe, dass ich Hilfe finden kann! Das hätte mir einiges erspart.

So oder so ähnlich habe ich nun schon einige Menschen reden gehört (bzw. davon gelesen), die im Nachhinein feststellten, dass sie bereits Jahre unter einer psychischen Krankheit litten und sich einsam mit den Symptomen quälten, bevor diese diagnostiziert wurde und sie endlich Hilfe und Verständnis bekamen.

Auch eine der interviewten Betroffenen für ein Radiofeature des WDR über Zwangsstörungen äußerte sich in diesem Sinne.

Mit dem Thema Zwangsgedanken und Zwangshandlungen bin ich persönlich zu meinem Glück nicht in bedenklichem Ausmaß konfrontiert, fand den Radiobeitrag aber dennoch (oder gerade deswegen) sehr interessant. Er ist immer noch in der Mediathek abrufbar, z.B. über folgenden Link:

http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/zwangsdenken-zwangshandlungen-100.html

 

Hier ein Auszug der Kurzbeschreibung des WDR:

„Zwangsstörungen: „Alles immer noch mal von rechts nach links lesen“

Jeder kämpft mit Alltagszwängen, mit Ordnung und Reihenfolge, und auch mit ganz privaten Macken und Marotten. Doch wann wird aus einem Drang eine krankhafte Störung? Matthias Baxmann hat sich selbst beobachtet – aber auch Menschen getroffen, die ihre Zwangshandlungen als krankhaft empfinden und behandeln ließen.“

Gerne verweise ich hier auch auf den Blog von Nelia, die dort offen auch über das Thema Zwänge schreibt:

https://farbensehnsuchtblog.wordpress.com

Öffentliche Anonymität

Hier die versprochene Antwort auf die erste Frage von toe und cao zum Liebster Blog Award (Siehe mein Beitrag von gestern).

1. Schreibst du in deinem Blog anonym oder nicht und wieso?

Diese Frage war diese Woche hier im Blog schon Thema; sie treibt mich immer noch um.

Ich schreibe nicht unter meinem richtigen Namen, sondern unter meinem Pseudonym, das einigen Leuten schon bekannt ist und das ich auch zu anderen Gelegenheiten bereits benutzt habe. Wer mich aber nicht kennt und nach meinem Familiennamen googelt, wird diesen Blog nicht finden.

Auch habe ich einige Freunde und mir wichtige Bekannte von „früher“, als ich noch unter Leute gehen konnte,  über meinen Blog informiert. Ich will mich für das Thema Depression und Angst nicht mehr schämen müssen. Da ich Probleme habe, mich mündlich zu erklären, ist dieser Blog vielleicht auch eine Möglichkeit, anderen zu beschreiben, was in mir vorgeht, wenn die Angst mich lähmt und welche Gedanken mich umkreisen, sobald die Depression mich wieder gepackt hat. Solche Fragen wurden mir schon gestellt, ich konnte sie aber nicht gut beantworten. Also versuche ich nun, hier darüber zu schreiben.

Seit ich offener mit dem Thema psychische Erkrankung umgehe, fühle ich mich wesentlich besser; geradezu erleichtert. Ich habe nicht mehr so große Angst, auf der Straße alten Bekannten über den Weg zu laufen und sie zu verärgern, weil ich grußlos an ihnen vorbeischleiche, sie angeblich nicht sehe.

Meine Angst ist zwar nicht verschwunden, aber mir fällt es leichter, damit umzugehen.

Gerade die Ereignisse der letzten Tage haben mich aber wieder darüber nachdenken lassen, ob ich nicht künftig auch unter meinem richtigen Namen schreiben sollte. Den ersten Anstoß dazu hat schattentaucherin gegeben, die in einem Kommentar schrieb: „Ich hätt’s komisch gefunden, Menschen dazu zu ermutigen, zu ihrer psychischen Erkrankung zu stehen und selber anonym zu bleiben.“

Dennoch, den eigenen Namen in so einem Blog wie dem meinen preiszugeben, will gut überlegt sein. Schon allein, weil ich überhaupt dem Thema Datenpreisgabe im Internet skeptisch gegenüberstehe. Überhaupt – uns allen ist sicherlich klar, dass es wirkliche Anonymität im Internet nicht gibt.

Falls ich hier eines Tages unter meinem offiziellen Namen schreiben sollte, würde sich der Blog sicherlich etwas verändern müssen, weniger persönlich werden und familiäre Belange ganz ausklammern. Schließlich geht es darum, meine Kinder sowie auch alle anderen Familienmitglieder vor der Neugier Dritter zu schützen.