Malvenblüte

Malvenblüte

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In Pankow zur Fête de la Musique

 

Das war er also, der längste Tag des Jahres, Sommeranfang, Sommersonnenwende. Von nun an werden die Nächte wieder länger und länger … und länger.

In Berlin wie auch in vielen anderen Städten Europas wurde gestern wieder das Fest der Musik gefeiert, die Fête de la Musique, bei dem überall in der Stadt Musiker für lau auftreten. Überall?? Trügt mich mein Gedächtnis, wenn ich mich sehe, wie ich vor einer Dekade und noch früher an diesem Tag scheinbar ziellos durch den Kiez laufen und an vielen Straßenecken einzelne Musiker und ganze Bands hören konnte? Das gestrige Programm schien mir da vergleichsweise übersichtlich.

Die vergangenen Jahre, versunken in Arbeit oder Depression, hatte ich von der Fête de la Musique nichts mitbekommen. Derzeit bin ich ja aber mal wieder dabei, ein wenig aus meinem Schneckenhaus herauszuluken und ich war ja auch schon, mich selbst überschlagend, auf der Sternfahrt, der großen Fahrraddemo des ADFC. Gestern aber wollte ich die Trumpfkarte ausspielen, und wenigstens ein Quäntchen Open Air Konzertluft schnuppern.

Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich mich dann tatsächlich auf mein Fahrrad setzte und zuerst nach Weissensee fuhr und von dort nach Pankow, wo W und ich tatsächlich einen sehr angenehmen Ort fanden, um den Abend zu verbringen. Um uns herum in etwa Gleichaltrige – junggebliebene Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von etwa vierzig Jahren samt ihrer Kinderschar. Die ganze Szene hatte durchaus etwas von einem gelungenen Familienausflug. Wir fanden einen guten Platz auf dem Rasen – mittendrin und doch gefühlt am Rand, wo wir unsere Picknickdecke aufschlugen und uns einrichteten.

Die erste Band, die wir hörten, war niedlich jung. Die zweite Band war ebenso alt oder eher jung ( 😉 ) wie wir, das Publikum, und hatte viel Spaß, was sich auf uns Zuhörer übertrug. Die dritte Band war noch ein wenig älter, virtuose Jazzfunker, die ihr Handwerk verstanden. Mit ihnen trat übrigens die einzige Frau auf – bezeichnenderweise klassisch mit — Gesang. Musikerinnen, Frauen, wo seid ihr hin?

Der Schlussakt, CASH GROUP, brillierte dann mit ziemlich witzig-gutem anarcho-pop (für die, die es interessiert, hier der Link zu ein paar Beispielsongs) und war durchaus mitreißend. Die letzten zehn Minuten konnte mich W sogar motivierten aufzustehen und ein Stück näher an der Bühne mitzuwippen.

Mein Krückstock oder Brandungsfels waren W sowie mein Zeichenblock. Das Kritzeln gibt mir immer mehr Sicherheit, ein Paradoxon, wie ich weiß, macht es doch alles andere als unsichtbar, mit dem Zeichenstift in der Menge zu sitzen. Mir soll das aber recht und lieb sein, so habe ich mir und Euch von gestern ein paar Kritzeleien von Publikum und Bühne mitbringen können.

 

 

 

Nostalgie

Heute war der nun wohl doch letzte Sommerabend.

Wir waren noch lange draußen, haben ihn bis zur letzten Sekunde genossen.

Um die untergehende Sonne tummelten sich bereits die aufziehenden Herbstwolken.

20160916_himmel

Im Park: drei Teenager mit Sofortbildkameras, die sich gegenseitig fotografierten.

Mir fielen fast die Augen heraus. Habe ich die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt? Da werden also in Zeiten des endgültigen Triumph der Digitalfotografie für die heranwachensende Generation wieder so altmodische Polaroidkameras hergestellt und verkauft? Nur eben heute ganz in chic und aus Leichtplastik, je nach Teengeschmack in weiß oder schwarz, rosa, lila oder schickem rot. Weil die Kinder ja sonst nicht wissen, wohin mit ihremTaschengeld. Oder schenken sowas Mutti und Vati, Oma oder Opa in nostalgischem Gedenken an die alten Zeiten? Ich habe eben mal nachgeguckt, was so eine Filmkartusche kostet. Hui Ha! Da weiß man dann, was jedes einzelne Foto wert ist.

Faszinierend ist es aber schon: man drückt auf den  Auslöser und es macht klick. Dann summt es und aus der Kamera rollt ein schwarzes Bildchen. Nach und nach werden die Konturen sichtbar und man hält ein lustiges Foto in der Hand. Wie glücklich die drei Kinder bei dessen Anblick schienen.

 

 

august

august hat begonnen,

verdammt und verflucht sei die zeit!

der sommer ist durch mich hindurchgeronnen;

ich war doch noch nicht mal zum frühling bereit.

 

noch ist es angeblich schön.

die sonne scheint wohlig und warm

ein lauer wind rauscht durch die blätter

und pärchen flanier’ n arm in arm.

 

der tiergarten strahlt saftig, grün,

motorenlärm stört nur von fern.

die eitle sonne, gespiegelt im wasser –

ich sah das doch früher so gern.

 

familie graureiher sitzt traut am ufer

die kleinen noch flauschig und süß

doch bald sind verlassen die alten,

weil das leben vorbeifliegen muss.

 

die anderen menschen, die fernab von mir

und meiner dunkelheit leben,

erstrahlen vor glück über den tag.

ich aber sitze und grolle hier,

auch weil ich die schönheit des lebens

nicht zu fühlen vermag.

 

halt!, will ich rufen, zeit, halte still,

weil ich für immer hier sitzen will

und blicken aufs wasser

und lieben und leben.

 

doch hohn und spott sind nur übrig für mich.

ich suhl‘ mich im selbstmitleid. fürchterlich!

wie verachte ich mich dafür.

liegt das in meiner natur?

 

die schönheit des lebens

ist folter für mich.

 

die stiche der rostigen nadeln geh ‘n mitten ins herz.

nicht, dass ich nichts fühle,

denn ich fühle den schmerz!

und die wehmut.

ich fühle, nichts wird mehr gut.

 

noch ist es warm, doch bald ist ’s vorbei:

die blätter verkünden mir das mit schrillem geschrei

 

– bald kommt das ende.

 

ich war noch nicht mal zum frühling bereit,

da ist schon der sommer durch mich hindurchgeronnen.

bald hat der herbst begonnen.

verdammt und verflucht sei die zeit!