Gucken oder sehen. Wahrnehmungen im Alltag

 

Mir ging es früher so wie den meisten von uns: Bevor ich mit meinen Achtsamkeitsspaziergängen begann und bevor ich mit dem achtsamen Auge der Zeichnerin und Fotografin durch die Welt lief, hatte ich im Alltag kaum ein Auge für jene Dinge, die ich heute mit so großer Spannung, Freude und Hingabe wahrnehme.

Sicher, mir war klar, dass sich im Frühjahr die Natur zu entfalten beginnt und dass im Herbst die Blätter bunt werden, bevor sie von den Bäumen und Stäuchern fallen – Jahr für Jahr und immer wieder aufs Neue.  Der Blick fürs Detail aber war mir fremd. Ich übersah, wie Knospen wuchsen, aufbrachen und sich kleine zarte Blätter entfalteten. Ich wusste nichts von den vielfältigen Formen und Farben und Düften der Baumblüten. Irgendwann war der Park halt grün, die Blumen blühten und es war warm genug, um auf der Wiese Platz zu nehmen. Es war nicht bewusstes Desinteresse oder Ignoranz. In meinem Alltag hatten derartige Beobachtungen kleinster Veränderungen in unserer natürlichen Umwelt keinen Platz. Ich hatte keine Zeit und war es auch nicht gewohnt, innezuhalten, zu sehen und zu spüren.

Jetzt erlebe ich das dritte Mal in Folge den Jahresbeginn bewusst. Fühle mich wie ein Kind, das Ah und Oh ausruft, staunt und vor Freude jauchzt, wenn es etwas entdeckt hat. Das Erleben ist in meinem Alltag angekommen. Nicht aber alltäglich im Sinne von langweilig und wohlbekannt. Und auch ohne Routine. Ich entdecke immer noch vollkommen neue Dinge, die sich vergangenes und voriges Jahr nicht gesehen habe. Mit jeder Entdeckung schärfen sich meine Sensoren für weiteres und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, welches Blatt und welche Blüte als nächstes aufgeht und als welcher Baum sich dieser und jener zu erkennen gibt, wenn Blätter und Früchte wachsen.

Dieses wachsende Wissen um die Natur macht mich übrigens nicht nur klüger, sondern auch glücklicher. Wie oft ging es mir schon schlecht und fand Ablenkung durch eine besondere Knospe, Blüte oder ein Insekt.

Wie geht es Euch? Oder um platt einen blöden Werbespruch zu missbrauchen: Guckst Du noch oder siehst Du schon?

 

 

 

Dieser Beitrag hätte schon am Wochenende geschrieben werden sollen – zu Ullis Alltagsprojekt. Da mich mein Alltag derzeit aber ziemlich fordert und ich mich einfach nicht zum Schreiben aufraffen konnte, kommt mein eigener Beitrag dieses Mal als Nachzügler spät, doch wohl nicht zu spät.

Schaut Euch mal bei Ulli um. Bei ihr findet Ihr auch die Verlinkung zu den etlichen anderen Teilnehmenden an ihrem schönen Projekt.

14 Kommentare zu „Gucken oder sehen. Wahrnehmungen im Alltag

  1. Pingback: Alltag 6 |
  2. Hat mir sehr gefallen und gibt mir Gelegenheit, über mein eigenes Verhalten nachzudenken,wie es sich in der letzten Zeit entwickelt hat.

    Nicht immer schaue ich mit weit geöffneten Sinnen, und wenn ich schaue, sehe ich nicht immer, was da in mich einfließt, denn dazu gehören eben eine besondere Aufmerksamkeitsspannung, aber auch Wissensverarbeitung dazu. „Gespannt wie ein Flitzebogen“ – das ist wunderbar schön, aber oft bin ich zu müde dafür und halte es nur kurze Zeit aus. Am einfachsten ist es, wenn ich zeichne, was ich vor mir habe, denn da registrieren Auge und Hand, und mein Kopf wird entlastet. Hinterher kann ich die Zeichnung betrachten und mit meiner Naturwahrnehmung vergleichen, und gewinne noch ein bisschen mehr Einsicht dazu. ZB habe ich den Feigenkaktus in meinem Garten schon sehr oft betrachtet, dennoch ist mir die Art, wie die „Ohren“ angewachsen sind, wie dick sie sind, wie die Färbung ist…. , erst gestern beim Zeichnen aufgegangen.
    „Gucken“ ist eigentlich kein Gegensatz zum Sehen, es ist ein konzentriertes Hinschauen.
    Liebe Grüße dir!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gerda,
      wenn ich auf Berlins Straßen unterwegs bin, habe ich oft auch den Blick gesenkt und will und kann gar nicht alles aufnehmen, was um mich zu sehen ist. Ich schalte meinen Wahrnehmungssensor an, sobald ich in einem Park bin oder an einer Grünfläche vorbeikomme, aber auch nur für Pflanzen und Tiere (in U- und S-Bahn studiere ich auch gern menschliche Gesichter). Dann gerate ich gefühlt in eine ganz andere Zeitebene, eine andere Welt.
      Dass das Zeichnen die Wahrnehmung schult, haben wir beide ja schon oft festgestellt und eigentlich lässt es sich ja nicht oft genug wiederholen. Ich staune aber trotzdem jedes Mal erneut, wenn mir zeichnend etwas Neues auffällt.

      … schade, dass es im Deutschen nicht – wie in anderen Sprachen – verschiedene Begriffe für Augen offen haben und ziellos gucken und zielgerichtetem Hinsehen und Wahrnehmen. Offentlichtlich ist in unserer Sprachwelt hier eine Differenzierung nicht vorgesehen, was ja auch im Umkehrschluss auf unsere Lebenswelt schließen lässt.

      Lieben Dank für Deinen Kommentar und herzliche Grüße
      Agnes

      Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Agnes,

    so eine tolle Skizze und ein wichtiger Beitrag. Ich renne noch viel zu oft einfach so durch die Gegend, ohne wirklich zu sehen. Und frage mich dann auch noch zusätzlich am Abend „Warum habe ich denn nichts gezeichnet?“.

    Leider geht es mir auch bei Blogbeiträgen so. Ich habe viele Ideen, die selten umgesetzt werden, wegen Zeitmangel. Aber wie heißt es eigentlich so schön? “ Zeit hat man nicht – Zeit muss man sich nehmen.“

    LG Moony

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, liebe Moony, das ist wohl wahr. Zu warten, bis wir Zeit „haben“ oder „bekommen“, heißt häufig, die Dinge, die uns wichtig wären, auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben. Schwierig abzuwägen, was wirklich wichtig ist, wenn wir in der Tretmühle stecken; leider gibt es ja keine Patentrezepte, wie wir aus der Mühle herauskommen.
      Wobei, draußen, besonders zu dieser Jahreszeit, die Augen zu öffnen und zu entdecken, wie sich die Natur entfaltet, kostet kaum ein paar wenige Minuten mehr, kann aber wahre Horizinte öffnen. So geht es zumindest Dir.
      Ich wünsche Dir, dass Du für Dich einen guten Weg und auch mehr Zeit zum Zeichnen findest. Muss auch gar nicht immer „gut“ werden, macht trotzdem glücklich :-)
      Herzliche Grüße
      Agnes

      Gefällt mir

  4. *grinst* seit meinem Bio-Studium gehts mir genauso. Ich finde in diesem Zyklus Ruhe, wenn mein Leben ins Trudeln gerät, merke ich das trotzdem alles weitergeht. Und die ach sooo wichtige Sache, wird wieder klein, und ich kann aufatmen. 😊
    Und Ulli hat recht: das hört nicht mehr auf. 😁

    Liebe Grüße und eine schöne Woche wünscht
    Jeraph

    Gefällt 2 Personen

  5. Liebe Agnes,
    … und es hört nie mehr auf! Ich bin nun schon seit so vielen Jahren unterwegs und entdecke immer wieder noch Neues, die Natur ist mir noch nie langweilig geworden.
    Ich freue mich sehr über deinen Beitrag des Sehen-Lernens, wie es dann eben doch im Alltag Einzug hält, ohne alltäglich zu sein oder zu werden.
    Hab vielen herzlichen Dank.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Ulli,

      ja,
      aus Deinen Beiträgen sprüht die Aufmerksamkeit, die Wachheit im Blick und die Liebe zu den vielen kleinen Dingen unserer natürlichen Umwelt und es freut mich, jetzt auch hier zu lesen, dass die Natur für Dich ihre Fasznation nicht verloren hat noch je verlieren wird.
      Ich danke Dir sehr herzlich für Deinen Kommentar.
      Herzliche Grüße
      Agnes

      Gefällt 1 Person

  6. Spaziergänge in der Natur mag ich sehr und erfreue mich an jeder Knospe oder Blüte oder Schmetterling, Vogelgezwitscher usw. Nicht immer bin ich gleich aufmerksam oder achtsam, manchmal auch abgelenkt, aber immer öfter achte ich auf die kleinen Wunder der Natur.
    Liebe Grüße Ariana

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.